Speyer

Geschichte Freinsheimer Regional-Historiker wertet die ältesten Speyerer Kirchenbücher aus und verfasst ein Nachschlagewerk

„Leben, lieben und sterben“

Archivartikel

Speyer.Fast zärtlich lässt Hans-Helmut Görtz seine Finger über das dicke Buch mit dem abgewetzten braunen Ledereinband und den vergilbten Seiten gleiten. „In einem Kirchenbuch verbergen sich die Schicksale ganzer Dynastien“, verrät der Freinsheimer und schlägt vorsichtig ein Exemplar auf. Der Regional-Historiker hat zwei Jahre lang die ältesten Speyerer Kirchenbücher ausgewertet und sie zur Grundlage seiner Publikation über das Reichskammergericht gemacht – das dort bis zur Zerstörung der Domstadt im Jahr 1689 seinen Sitz hatte.

„Diese Matrikelbücher sind für Familienforschung die Quelle schlechthin“, erklärt der Leiter des Bistumsarchivs Thomas Fandel. So seien diese öffentlichen Verzeichnisse oft die einzigen Aufzeichnungen über die Existenz einer Person, da die Eintragungen unabhängig von Stand, Geschlecht und Vermögen gemacht worden seien. Neben Geburt, Taufe, Kommunion, Eheschließung und Tod sind auch Wohnort und Beruf der jeweiligen Person angegeben.

Interessante Persönlichkeiten

„Ich habe an einem Speyerer Ratsprotokoll von 1667 – der Zeit der letzten großen Pest in der Pfalz – gearbeitet. Weil ich mehr über die Menschen erfahren wollte, die in diesem Protokoll auftauchen, habe ich in den Taufbüchern nachgeschlagen“, erklärt Görtz. Dabei sei er auf so viele interessante Persönlichkeiten gestoßen, die dem Reichskammergericht angehörten, dass er sie in einer eigenen Publikation vorstellen wollte.

Ein weiterer Schwerpunkt des 900-Seiten-Werks sei das geistliche und weltliche Personal des Fürstbischofs von Speyer. So reist der 67-Jährige in seinem Nachschlagewerk durch die katholische Kirchenlandschaft, die von vier Stiften, zahlreichen Klöstern sowie fünf Pfarrkirchen geprägt war. „Die Matrikelbücher der Pfarreien St. German und St. Moritz sowie St. Peter stammen aus den Jahren 1579 bis 1689. Es gab natürlich noch viele andere, aber ein Großteil ist in den Kriegen des 17. Jahrhunderts verloren gegangen.“

Speyer nennt Görtz schmunzelnd „einen Heiratsmarkt für Juristen“: „Advokaten verheirateten ihre Töchter mit Juristen – das war in anderen Berufen genauso. Deshalb finden Sie in diesen Büchern ganze Dynastien von Gelehrten.

Zwar stand dem Reichskammergericht ein oberster Richter vor – lange Zeit war das der Bischof von Speyer – „doch der hat die Arbeit ja nicht gemacht. Dafür hatte er seine Beisitzer, die Assessoren.“ Zudem standen in Speyer Notare, Lektoren, Steuereintreiber und Heerscharen von reitenden Boten im Dienste des obersten Gerichts. Goethe habe immer vom „Reichsjammergericht“ geschrieben, weil sich die Verfahren sehr lange hinzogen. „Die haben aber gar nicht so schlecht gearbeitet – es waren oft Familienstreitigkeiten, die sich über Generationen hinzogen“, ergänzt Armin Schlechter, Vorsitzender des Historischen Vereins der Pfalz, der das Projekt ebenso gefördert hat wie das Stadtarchiv, die Kulturstiftung Speyer sowie das Bistumsarchiv.

„Es ist unglaublich, was man aus diesen alten Kirchenbüchern herauslesen kann. Das ist so eine Art ,leben, lieben und sterben in Speyer’“, findet Fandel. Für Peter Eichhorn von der Kulturstiftung ist Görtz deshalb ein „Sammler von Daten und Taten“. Es gebe unzählige Bücher über das Reichskammergericht, aber kein einziges über die handelnden Personen.

Generationen von Gelehrten

Damit kann Görtz zuhauf dienen. Gleich der erste Eintrag im Taufbuch von St. German und St. Moritz verweise auf bedeutende Persönlichkeiten: „Am 6. September 1579 wurde Catharina Vomelius getauft, Spross einer aus den Niederlanden stammenden Juristenfamilie, die über sechs Generationen Gelehrte hervorbrachte, die Ämter am Reichskammergericht bekleideten.“

„Normalerweise liegen unsere ältesten Kirchenbücher im Magazin“, sagt Fandel und schließt die Schätze nach dem Fototermin sorgfältig wieder ein. Doch wer selbst Familienforschung betreiben möchte, dürfe gerne zur Recherche beim Bistumsarchiv vorstellig werden.

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