Speyer

Literatur Kai Wielands lesenswerter Debütroman

Lügen, Träume, Übertreibung

Wie gerät einer ins fast ausgestorbene schwäbische Dorf Rillingsbach, „fernab der Zivilisation“? Es sind die kursierenden Geschichten, die den namenlosen „Chronisten“ dazu bringen, jenen „blinden Fleck (zu) kartografieren“. Im Debütroman „Amerika“, für den Kai Wieland, geboren 1989, mit dem Thaddäus-Troll-Preis des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg geehrt wurde, ist der Chronist Zuhörer von „munter flirrenden Stimmen“. Ein Chronist ist das, der die Risiken des eigenen Tuns mit einer ordentlichen Prise distanzierter Ironie reflektiert und der genau auf Zwischentöne hört.

Seine Informanten heißen Frieder, Martha, Alfred und Hilde. Selten gab es hier Berührungspunkte mit der großen Geschichte; so versucht man mit den Geschichten, die man erzählt, sich der Existenz zu versichern. „Es gibt nur das Dorf und die Welt, und was im Dorf passiert, passiert euch allen“, kommentiert Hilde die verhasste Enge. Das Erlebte und die Erinnerungen schweißen zur Schicksalsgemeinschaft zusammen. Dahinter liegen die Traumata, die dem Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft seine Gestalt aufzwingen – vor allem spielt die seelenverheerende Gewalt des Krieges und des Nationalsozialismus eine Rolle.

Kammerspielartig verdichtet

Vielleicht deshalb ist die Gegenwart nur aushaltbar in einem fein austarierten Gefüge aus Tatsachen, Mutmaßungen, Übertreibungen, Sehnsüchten und Lügen. In einer kammerspielartig verdichteten Situation lässt Wieland seine Figuren in zwölf Kapiteln zu Wort kommen, und jede von ihnen hat ihre eigenen Versionen der Wahrheit. Hin und wieder scheint dann in den Geschichten die Freiheit zu einem selbstbestimmten Leben auf – und sei es als verpasste oder ausgeschlagene Gelegenheit.

Umso heller erstrahlt da Alfreds legendäre Reise nach Amerika, ins Traumland der unbegrenzten Möglichkeiten. Eine Freiheit des Tuns und Lassens – sie ist der utopische, menschenfreundliche Horizont dieses auf den ersten Blick spröden, doch von stiller Heiterkeit und skurrilem Witz getragenen Heimatromans.

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