Speyer

Trauerzug Passanten erleben ungewöhnlichen Brauch der Sinti und Roma / Familienmitglied wird in der Gruft beerdigt / Mit sieben Kränzen durch die Speyerer Innenstadt

Mit der Kutsche gelangt der Sarg zum Grab

Archivartikel

Speyer.Einen Trauerzug durch die Innenstadt zu erleben, zählt gewiss zu den außergewöhnlichen Ereignissen der modernen Zeit. Gestern wurden Passanten in der Speyerer Maximilianstraße Zeugen eines solchen. Ein Mitglied der seit Jahrzehnten hier ansässigen Familie Kwiek aus dem Kreise der Sinti und Roma wurde zu Grabe getragen. In einer Kutsche wurde der Verstorbene vom unteren Domgarten aus durchs Zentrum zum Friedhof gefahren.

Zeitaufwendiger als traditionelle Beisetzungen war diese Form allemal. Etliches musste im Vorfeld organisiert werden, um die Vorstellungen der Angehörigen umsetzen zu können. Hauptverantwortlich dafür waren der Leiter des Speyerer Standesamtes, Hartmut Jossé, und der Verwalter des Friedhofs, Wolfgang Tyroller, in Zusammenarbeit mit der Ordnungsbehörde. Die musste durch Mitarbeiter die Strecke des Trauerzuges absichern. Nur Fußgänger durften die Kutsche begleiten. Die Autos mussten eine andere Strecke wählen.

Bodenplatte abgehoben

Glück hatte Tyroller in einer Hinsicht. „Die Gruft ist schon vorhanden“, erklärte er. Eine große Erleichterung stellte das dar, denn dadurch musste der zuständige Steinmetz nur die Bodenplatte am Morgen abheben. Beigesetzt wurde der Verstorbene, ein Mann aus Karlsruhe, bei seiner Schwester, die 2015 ihre letzte Ruhe auf dem Speyerer Friedhof fand. „Wenn noch kein Grab vorhanden ist, müssen wir es erst ausheben und wieder vermauern lassen. Das dauert ein paar Tage“, erzählt Tyroller.

Das Mauerwerk sei aufgrund des Glaubens der Sinti und Roma notwendig. „Danach darf es keinen Kontakt zwischen dem Sarg und der Erde geben“, erklärte der Friedhofsexperte. Das wiederum begründet, weshalb der Sarg des Toten aus Metall sein durfte. „Die Angehörigen verbleiben nach der Beisetzung so lange neben der Gruft, bis diese vom Steinmetz wieder geschlossen wurde“, informierte Tyroller über einen weiteren Brauch.

Zu Standesoberen gezählt

Kurz nach 13 Uhr fuhr der Leichenwagen mit dem Verstorbenen am unteren Domgarten vor. Die Kutsche folgte einige Zeit später. Umgeladen wurde der Sarg durch die eigene Verwandtschaft, die außerdem sieben Kränze an den Seiten und an den Türen anbringen ließ. „Im Februar oder März war die letzte Beisetzung der Familie Kwiek mit fast 300 Personen“, dachte Jossé zurück. Damals seien die Anforderungen allerdings geringer gewesen, da kein Trauerzug und keine Kutsche im Einsatz waren.

Dem Stand geschuldet sei die Ausführlichkeit des letzten Geleits, warf Tyroller ein und Jossé bestätigte, dass der Verstorbene wohl zu den Standesoberen zählte. Von Sekundenentscheidungen, die getroffen werden müssen, sprach Tyroller hinsichtlich der Schritte bis zur vollzogenen Beisetzung – beispielsweise bezogen auf die Frage, ob die Friedhofsbediensteten oder die eigenen Verwandten den Toten zur Gruft bringen. Für die Besucher der Speyerer Innenstadt war der Anblick der eskortierten Kutsche, begleitet von schwermütiger Violinenmusik, ein Erlebnis – und das hielt länger an als einige Sekunden.

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