Speyer

Lesung Maria Cecilia Barbetta stellt bei „Speyer.Lit“ ihren Roman „Nachtleuchten“ vor

Mit Madonna auf Tour im Einwandererviertel

Archivartikel

Speyer.Wenn die Gottesmutter ins Spiel kommt, gehen Herzen auf. Warum sollte, was in Maria Cecilia Barbettas Roman „Nachtleuchten“ funktioniert, nicht auch bei ihre Lesung im Historischen Ratssaal seine Wirkung entfalten? Zwar ist die Madonna, die Matthias Nowack, Spiritus Rector von „Speyer.Lit“, nach Angaben der Autorin deutlich größer als jene Plastikfigur, die ihre Protagonistin Teresa ihren Nachbarn zeitweilig zur „Beherbergung“ überlässt, und sie leuchtet definitiv nicht wie ihr literarisches Pendant. Dennoch bleibt festzuhalten, dass in der dreijährigen Geschichte der Reihe selten eine solche Herzlichkeit die Atmosphäre zwischen Autor und Publikum geprägt hat.

Natürlich liegt das an Maria Cecilia Barbetta. Die 46-Jährige, die mit ihrem Werk auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2018 gewählt wurde, stellt den Timer ihres Smartphones auf 60 Minuten, denn: „Wenn ich rede, rede ich sehr, sehr viel.“ Das dürfte daran liegen, dass sie sehr viel zu sagen hat – über ihr Buch, dessen Kontext, aber auch über ihre eigene Geschichte, die darin verwoben ist, und ihre Liebe zur Sprache.

Muttersprache kommt abhanden

Zur deutschen Sprache, die sie sich in ihrem Heimatland Argentinien aneignete, studierte und ab 1996 vor Ort, in Berlin, perfektionierte. „Meine Muttersprache ist mir ein bisschen abhandengekommen“, stellt sie fest, auf Spanisch zu schreiben, käme ihr nicht in den Sinn, wobei sie jedoch weder für Deutsche noch für Argentinier schreibe.

Es stecke viel Deutschland im Roman, auch wenn er in ihrer Heimatstadt Ballester, dem Einwandererviertel im Nordwesten von Buenos Aires spielt. Barbetta hat dafür das Symbol von zwei Projektoren, die Bilder aus den beiden vertrauten Welten Deutschland und Argentinien übereinander werfen.

In „Nachtleuchten“ verwebt sie drei Geschichten miteinander. Am Vorabend der Militärdiktatur, 1974, schildert sie die Schicksale kleiner Leute. Anfangs herrscht unter der Regierung des aus dem Exil zurückgekehrten demokratischen Präsidenten Juan Perón Aufbruchstimmung. Die dringt auch in die Kfz-Werkstatt namens „Autopia“ (die weniger mit Thomas Morus’ Sozialutopie zu tun hat als mit der Liebe des Mechanikers zu einer Pia) oder den Friseursalon „Ewige Schönheit“ des schwulen Celio – ihrer Lieblingsfigur – durch.

Die Kostproben, die Maria Cecilia Barbetta beinahe szenisch vorträgt, nehmen weniger Zeit ein als ihre Erläuterungen, in denen sie Hintergründe schildert, die Verhältnisse in Argentinien und die geschichtlichen Zusammenhänge. Doch diese Schlaglichter lassen ahnen, welchen Kosmos sie dem Leser öffnet mit ihrer Hommage an diese kleinen Leute, mit wie viel Humor und Einfühlungsvermögen sie ihre Figuren skizziert.

Etwa Alvaro, den jungen Mechaniker, der von Revolution träumt und alle möglichen Leute im Viertel anspricht, damit sie fürs Lokalblatt schreiben, dessen Leitung er übernimmt. Sein Autorenkollektiv unterhält sich über das, was in Ballester, also im ganzen Land, passiert. Es schreibt alle Wörter klein, damit sich kein Buchstabe über einen anderen erhebe.

Am Ende stört es keinen im Historischen Ratssaal, dass die Madonna nicht geleuchtet hat – bei so vielen faszinierenden erhellenden Worten.

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