Speyer

Klassik Organist Stephan Rahn spielt bei den Internationalen Musiktagen in St. Joseph

Opulentes Pfeifenorchester

Archivartikel

Speyer.Wer diese Orgel hört, möchte gar nicht glauben, dass ihr eine Renovierung bevorsteht. So harmonisch, so weich schmiegt sich der Klang in den weiten Raum der Speyerer Kirche St. Joseph. Mag sie auch an Leuchtkraft und intonatorischen Feinheiten eingebüßt haben, so präsentiert sich die Wilbrand-Orgel auf den Tag genau 30 Jahre nach ihrer Weihe als ausdrucksvolles Instrument, das seine Stärke in variabler Tongestaltung ausspielt.

Mit Stephan Rahn sitzt ein Pianist von Rang auf der Orgelbank. Das hört man seinem Spiel an, nicht zuletzt der scheinbar leichthändigen Bewältigung von virtuosen Passagen, wie sie Johann Sebastian Bachs Präludium und Fuge in e-Moll (BWV 548) aufbietet. Da geht keine Stimme verloren, werden Details und ornamentale Figuren sorgsam nachgezeichnet und sorgen kontrapunktische Entflechtungen für strukturelle Transparenz.

Die Bassposaune markiert nicht nur tonale Tiefe; mit Respekt widmet sich der Organist der monumentalen Anlage dieses Werkes, das er gleichsam mit der Unerschrockenheit eines Entdeckers durchmisst. Von gravitätischem Ernst getragen, wirkt das Opus in der Interpretation Stephan Rahns alles andere als übergewichtig.

Während der Organist bei Bach noch auf eher traditionelle Plenum-Register vertraut und die Gestaltungsmöglichkeiten vornehmlich in der Artikulation statt im Farbenwechsel der Pfeifen sucht, kann die Wilbrand-Orgel mit einem der Tientos des spanischen Frühbarockkomponisten Correa de Arauxo ihre Feinheiten in den Flöten- und Streichergruppen betonen. Auch kontrastiert Rahn die bedächtige Grundstimmung in der Manier des Stylus Fantasticus mit temperamentvoll aufbrechenden Läufen, die durch Höhen und Tiefen jagen und die dieser Musik eine überraschende Form von Unkonventionalität verleihen – von den „modern“ klingenden Dissonanzwirkungen ganz abgesehen.

„Französischer“ Anstrich

Mit einem energisch-bezwingenden Auftakt setzt der Speyerer Organist Mozarts f-Moll-Fantasie in Szene. Klangliche Steigerungseffekte erzielt Stephan Rahn dank der Zungenregister, die dem an Ideen und Motiven überquellenden Stück einen „französischen“ Anstrich verleihen. Sorgsam gestaltete dynamische Übergänge und der differenzierte Einsatz der unterschiedlichen Stimmgruppen im großen Pfeifenorchester verwandeln diesen Mozart in ein opulentes Gemälde, in dessen Innern das zarte Spielzeugherz einer Flötenuhr tickt.

Zwischen zwei f-Noten, die durch vier Oktaven voneinander getrennt liegen, baut Jehan Alains Stück „Deuils“ aus einem Tanz-Zyklus eine ungeheuere Spannung auf, die sich über chromatische Graustufen nur schwer aus fahlen Urgründen befreien kann. Töne, die den Raum zaghaft ausloten, um ihn schließlich mit unbeirrbarem Herrschaftsanspruch in Besitz zu nehmen – Klänge wie konturenlose Wesen, die unkenntlich durch die Sphären oszillieren. Stephan Rahn demonstriert nicht nur Sinn für die unergründlichen Tiefendimensionen dieses Werks, sondern auch für zeitliche Diskontinuitäten, die unsere Wahrnehmungen revolutionieren.

Mit der Toccata aus der neunten Orgel-Sinfonie von Feliks Nowowiejski – bezeichnet mit „A la mémoire de Ludwig van Beethoven“ – setzt Rahn einen dramatischen, aufwühlenden Schlussakzent, der sich dank der ausgreifenden Bewegungen, der schroffen Abbrüche und der symphonischen Klangballungen als leidenschaftliche Würdigung Beethovens versteht. Doch in der Zugabe, dem Satz eines Orgelkonzerts von Christian Heinrich Rinck, schickt der Interpret noch einmal das Flötenorchester auf die Bühne und beweist, wie groß diese Orgel klingen kann, selbst wenn sie sich in kammermusikalischer Bescheidenheit übt.

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