Speyer

CD-Kritik Der türkische Pianist Fazil Say und der Speyerer Geiger Friedemann Eichhorn stellen Album vor

Protest mit Geige und Klavier

Archivartikel

Speyer.Dass sich Fazil Say eine eigene Meinung erlaubt, ist der türkischen Regierung ein Dorn im Auge. Der Pianist und Komponist setzt sich auch als Musiker gegen doktrinäre und einengende Denkweisen zur Wehr. Das lässt er sich auch auf seinem neuen Album nicht nehmen, das Say mit dem aus Speyer stammenden Geiger Friedemann Eichhorn jetzt aufgenommen hat.

Die zweite Violinsonate – die hier ihre Ersteinspielung erlebt – ist nach einem Berg in der Türkei benannt, der von Rodungen betroffen ist. Metallisch harte Hammerschläge, die Fazil Say durch präparierte Klaviersaiten erzeugt, symbolisieren die Gewalt, die der Mensch der Natur im Streben nach Reichtum antut.

Überhaupt stemmt sich die Musik des türkischen Komponisten gegen gängige Muster; harmonische und melodische Verläufe werden häufig aufgebrochen und durch programmatische Klangerzeugungen ersetzt. Der Flügel – von Say selbst gespielt – und die Violine prallen in diesem Werk häufig mit konfrontativer Verve aufeinander. Musik, die sehr beredt umsetzt, wovon im Titel die Rede ist.

Aufrührerische Energie

Für Friedemann Eichhorn ergeben sich aus beiden hier eingespielten Sonaten und dem Tonstück „Cleopatra“ sowie dem Violinkonzert mit dem Titel „1001 Nächte im Harem“, das mit der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken-Kaiserslautern unter der Leitung von Christoph Eschenbach erklingt, gewaltige Herausforderungen.

Vom Solisten sind Ausdrucksmittel gefordert, die eine hohe technische Beherrschung dieses Instruments voraussetzen – vom verführerischen Romanzenton bis zum frühlingshaften Vogelgezwitscher.

Wie tief sich Eichhorn in die teilweise exotisch wirkende, intuitiv geschöpfte Klangsprache Fazil Says einfühlt und welche Klangnuancen er seiner Geige zu entlocken vermag, ist durchaus spektakulär. Fazil Say lässt seinem Duopartner viele Freiheiten, auch in der improvisatorischen Gestaltung von ausgedehnten Solopassagen. Dissonante Eruptionen lösen sich häufig in melancholische Lyrismen oder somnambule Stimmungen auf; doch unter der Oberfläche pulsiert stets eine aufrührerische Energie, die sich zuverlässig Bahn bricht. Zwischen Klassik, Romantik und Jazz anzusiedeln ist auch Says Violinkonzert, das die Philharmoniker mit schwelgend-opulenter Kraft ins Werk setzen.

Anklänge an die orientalische Folkloristik weisen den Komponisten als glühenden Liebhaber seiner kulturellen Heimat aus – daran werden auch unfreundliche staatliche Reaktionen zu Hause nichts ändern können.

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