Speyer

Gedenken Nach mehrjährigem Anlauf 16 Stolpersteine gelegt / Erinnerung an jüdische Verfolgte

„Sie geben den Opfern einen Namen“

Archivartikel

Speyer.Was lange währt, wird endlich gut und so wurden nach mehrjährigem Anlauf gestern Nachmittag auch in Speyer die ersten 16 Stolpersteine verlegt. Sie erinnern an jüdische Opfer des Holocaust und weitere Verfolgte, Inhaftierte, Deportierte und Vertriebene, die durch das Wüten der Nationalsozialisten ihr Leben verloren.

Die erste Verlegung in der Domstadt erfolgte im Gedenken an die Familien Mühlhauser (Schraudolphstraße 26), Grünberg (Schraudolphstraße 31) und Schultheis (Im Lenhart 35), den letzten selbstgewählten Wohnorten der Holocaust-Opfer. Auf einer kleinen Bronzeplatte der 10 x 10 Zentimeter messenden Steine sind Lebensdaten und Angaben zur Deportation, Ermordung und in einigen Fällen auch zur gelungenen Flucht eingelassen.

Die Einbringung der Steine in die Bürgersteige vor den Wohnhäusern nahm der Kölner Bildhauer Gunter Demnig vor. Der geistige Vater der Stolpersteinaktion hat bereits über 28 000 Steine in 21 europäischen Ländern verlegt. Pro Stück stellt der Bildhauer den Auftraggebern 120 Euro in Rechnung. In Speyer wird die Verlegung ausschließlich über Spenden finanziert.

Anlässlich der Verlegung hatte Oberbürgermeister Hansjörg Eger gemeinsam mit der von fünf Gästeführerinnen getragenen Initiative „Stolpersteine für Speyer“ zu einem Empfang in den Historischen Ratssaal eingeladen, wo Eger in Anwesenheit von Israil Epstein und Marina Nikiforova von der Jüdischen Kultusgemeinde der Rheinpfalz, weiteren Gästen und mehreren Nachkommen der Speyerer Holocaust-Opfer von einer würdigen Form der Erinnerung sprach. „Die Stolpersteine geben den Opfern einen Namen, sie erinnern an Entrechtung und Demütigung und sind gleichzeitig Mahnung und Auftrag, in einer toleranten Gesellschaft für menschliches Handeln einzutreten. Diese Stolpersteine tragen dazu bei, dass wir nie vergessen, welche Grausamkeiten von Menschen an Menschen begangen wurden“, sagte der Stadtchef.

Dem schloss sich Sabrina Albers als Sprecherin der Initiative „Stolpersteine für Speyer“ an, die mit Blick auf das Gesamtprojekt vom größten dezentralen Mahnmal in Deutschland sprach. Sich direkt an die anwesenden Nachkommen wendend betonte Albers, dass man mit der Verlegung der Stolpersteine die Erinnerung an deren Angehörige dauerhaft bewahren werde.

Niemanden ausgrenzen

Ein Nachkomme der Familie Mühlhauser unterstrich die Bedeutung der Aktion als Ausdruck dafür, dass man niemanden ausgrenzen dürfe und rechtzeitig Position gegen menschenverachtendes Gedankengut beziehen müsse. Bevor er zur Tat schritt, ließ Bildhauer Demnig anklingen, dass die Verlegung der Stolpersteine aufgrund ihrer besonderen historischen Bedeutung für ihn niemals zur Routine werde.

Am ersten Verlegeort in der Schraudolphstraße 26 sprach Katrin Hopstock von der Stolperstein-Initiative von einem besonderen Tag in einer Stadt mit großer jüdischer Vergangenheit. Die Verlegung selbst wurde von Ansprachen, Gebeten, dem Verlesen eines Briefes aus dem Lager Gurs und dem Vortragen von Gedichten begleitet. Mit dem Verlesen der Biografien an den jeweiligen Verlegeorten durch Schülerinnen des Edith-Stein-Gymnasiums wurden den Teilnehmern die Schicksale der Familien nahegebracht. An die Familie Mühlhauser erinnern nun sechs Stolpersteine. Eingraviert sind die Namen Albert und Emma Mühlhauser sowie die Namen ihrer Kinder Klara, Ernst, Franz und Stephanie. Während die Eltern und ihre Tochter Klara in Auschwitz ermordet wurden, konnten die anderen Kinder emigrieren und haben den Holocaust überlebt. Für die Familie Grünberg nur wenige Meter weiter wurden fünf Stolpersteine eingelassen. Sie tragen die Namen von Benno und Irene Grünberg, deren Kinder Heinrich und Margarete sowie von Großmutter Lina Rosenthal. Die Großmutter starb bereits im Lager Gurs, Benno und Irene Grünberg fielen den Nazis in Auschwitz zum Opfer. Heinrich und Margarete überlebten dank der Hilfe durch die zum Schutz kranker jüdischer Kinder 1912 gegründete gemeinnützige Organisation „Œuvre de secours aux enfants“.

Im Lenhardt 35 erinnern fünf Stolpersteine an Jakob und Emma Schultheis, ihre Tochter Emma Matuszewski, deren Ehemann Stanilaus sowie an die gemeinsame Tochter Ursula Matuszewski. Vor allem Jakob und Emma Schultheis mussten für ihre Aktivitäten in der Widerstandsgruppe „Speyerer Kameradschaft“ schwer büßen. Jakob Schultheis wurde im März 1945 im Zuchthaus Brandenburg enthauptet, seine Ehefrau zu zwei Jahren Zuchthaus und Ehrverlust verurteilt. Tochter, Ehemann und Enkelin überlebten.

Für die aus den Gästeführerinnen Sabrina Albers, Cornelia Benz, Katrin Hopstock, Jutta Hornung, Ingrid Kolbinger und Kerstin Scholl bestehende Stolperstein-Initiative war die gestrige Verlegung erst der Anfang. Um die Erinnerung an die Schicksale weiterer Opfer wach zu halten, wollen sie in ihren Bemühungen nicht nachlassen.

Info: Weitere Informationen unter www.stolpersteine-speyer.com

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