Speyer

Kulturbeutel-Festival Meret Becker berührt mit traurigen Liebesliedern und feinsinnigem Humor

Stimme und Säge bestechend

Speyer.Dass Meret Becker eine hervorragende Schauspielerin ist und den gleichen Beruf erlernte wie ihr Vater Rolf und ihr Bruder Ben, ist den meisten Besuchern des Kulturbeutel-Festivalabends im nahezu voll besetzten Alten Stadtsaal bekannt. Aber viele sind auch gekommen, weil sie wissen, dass sie seit vielen Jahren einer Berufung folgend Musik macht und eine ausdrucksstarke Sängerin ist.

Die 1969 in Bremen geborene und in Berlin lebende Künstlerin hat viele Gesichter: Die Schauspielerin komponiert ihre zumeist englischen Lieder und produziert auch ihre Tonträger selbst. „Multitalent“ nennt man so jemanden, und bei dieser Powerfrau trifft das wahrhaftig zu. Ihr Leben gehört der Kunst, weil die Kunst zu leben sie spürbar reizt.

So wie sie mit ihrer starken Präsenz in Filmen auch Nebenrollen Strahlkraft verleiht, so zelebriert Meret Becker ihr Musikprogramm zusammen mit ihrem langjährigen Lieblingsgitarristen Buddy Sacher, Softpercussionist Taifun und dem Background-Duo Olivia und David. Nach dem zweiten Lied beglückwünscht sie ironisch das Publikum mit der Frage: „Sie wissen, dass Sie in einem Programm voller trauriger Liebeslieder gelandet sind?“ Ihren feinsinnigen Humor offenbart sie mit der These: „Hätte ich getan, was ich kann, wäre ich tatenlos geblieben.“

Vielseitig wie ihr Instrumentarium

Schon als Kind habe sie immer vor sich hingesungen, erklärt sie ihr Faible für Musik. Ihr Entertainer-Talent inspiriert sie zu einem eigenen Varieté-Programm in der Berliner „Bar jeder Vernunft“. Über längere Zeit ist sie hier gefeierte Gastgeberin eines Nachtsalons. Sie singt und holt immer neue Instrumente auf die Bühne: neben Klavier, Akkordeon und Saxofon auch Spieluhren und die mit dem Geigenbogen gespielte singende Säge, die sie in Speyer bei drei Songs gekonnt vibrieren lässt.

Von ihrem Frontplatz, auf dem sie Gitarre, Fuchsschwanz-Sägen, Melodica oder Xylofon spielt, stapft sie über die mit Requisiten und Hilfsinstrumenten wie ein mit etwas Wasser gefülltes Bowleglas oder eine Tröte angefüllte Bühne zum E-Piano. Auf dem schlägt Meret Becker überwiegend zarte Töne an, die ja zu ihren gefühlsgeladenen Songs passen müssen. Wenn ein Cowboy gemächlich durch Arizona reitet, ist sein Missmut über eine unglückliche Liebesbeziehung förmlich zu spüren. Sanfte Töne lässt sie stakkatoartig auch mal in lauten Explosionen oder Lautmalereinen enden.

Ihr Stil lässt sich in kein Schema pressen, die erfindungsreiche Komponistin streut in ihre Arrangements mal Folk-, mal Blueselemente ein und lädt mehrmals mit Dreivierteltakt zum Traumwalzer ein. Dass ihr leidenschaftliches Musizieren bei vielen Musikfans Anklang findet, beweist die Tatsache, dass ihre aktuelle Produktion „Deins & Done“ nicht mehr als CD, sondern zurzeit nur auf Vinylplatte erhältlich ist. Mit zwei Liedern aus ihrer aktuellen Produktion zum Zirkusleben macht Becker gegen Ende ihres Konzerts Appetit.

Als Zugabe serviert das Ensemble a cappella ein von ihrem Bruder Ben und Harald Juhnke geschriebenes Trinklied, ehe sie eine Flasche (alkoholfreies) Bier in einem Zug leert und grinsend erläutert: „Das ist in meiner Familie eine Frage der Ehre!“

Das Wichtigste von heute
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker Schwetzinger Zeitung
Newsticker überregional