Speyer

Kunstverein Elias Wessel zeigt in der Flachsgasse seine Fotografien von Handywischabdrücken

„Summe meiner Daten“

Archivartikel

Speyer.Eine bemerkenswerte Ausstellung beim Kunstverein neigt sich ihrem Ende entgegen. Nur noch bis Sonntag, 13. Januar, sind die außergewöhnlichen Werke des 1978 in Bonn geborenen, in Speyer aufgewachsenen und heute in New York lebenden Künstlers Elias Wessel im Kulturhof Flachsgasse zu sehen. Eine besondere Gelegenheit, vor Ort in die Gedankenwelt von Wessel und seine künstlerischen Intentionen einzutauchen, bietet sich am nächsten Samstag, 12. Januar, wenn der Künstler um 15 Uhr letztmals durch die Ausstellung führt.

Deren Titel „Die Summe meiner Daten – Digitalisierung, Überwachung, Identität“ ist einem brandaktuellen Thema geschuldet. Nicht die Spuren der Zeit, sondern all jene Spuren, die Nutzer beim Wählen auf dem Display eines Smartphones oder iPads hinterlassen, verarbeitet Wessel in seinen Werken.

Unter „Summe der Daten“ versteht er konkret die Ansammlung von Fingerabdrücken und Schlieren, die sich auf der Oberfläche berührungsempfindlicher Bildschirme niederschlagen. Somit greift er die Gleichzeitigkeit von Digitalisierung, Überwachung und Identität auf. Mit seinen aufklärenden und mahnenden Werken will der „Bedenkenträger“ Chancen, Herausforderungen, Maßnahmen und Risiken der Digitalisierung auf einem neuen Wege zugänglich machen und die inhaltliche Auseinandersetzung fördern.

Eine Diskussion über die Qualität und Ausdruckskraft der malerisch wirkenden Fotoarbeiten zum politisch und sozial brisanten Thema erübrigt sich. Regelmäßige Ausstellungstätigkeiten in namhaften nationalen und internationalen Einrichtungen, Veröffentlichungen im Wall Street Journal, Künstlergespräche und Vorträge sowie die Teilnahme an der Internationalen Kunstmesse „Art Basel“ sprechen für sich.

Gegen den „gläsernen Menschen“

Ausgangspunkt der auf exklusivem Hahnemühle-Papier gedruckten Exponate, die auch als künstlerische Beiträge gegen den „gläsernen Menschen“ und seine totale Überwachung interpretiert werden können, sind die oben beschriebenen Hinterlassenschaften auf den Displays von Smartphones oder iPads. So hat Wessel mit einer hochwertigen Kamera die Oberfläche des eigenen Smartphones mit all ihren Abdrücken fotografiert, die festgehaltenen Schichten erneut fotografiert, teils farbig beleuchtet und in weiteren Schritten zu fotografischen Kunstwerken verarbeitet.

Entstanden sind sieben großformatige Werke in Farbe (bis 2,22 x 1,64 Meter) und elf kleinere Arbeiten in Schwarz-Weiß (46 x 38 Zentimeter). Nicht nur die großen Werke mit ihren Papillarlinien und aufgelösten Spuren beeindrucken durch Größe, Farbigkeit und inhaltliche Gestaltung. Die Aktualität der Ausstellung kommt ebenso in einem aus dem Rahmen fallenden Kleinformat zum Ausdruck, in dem sich Wessel – ganz im Gegensatz zu den anderen Arbeiten – nicht auf Fingerabdrücke und Wischspuren konzentriert hat.

Dieses Werk ist ein ungewöhnlicher Beweis dafür, dass New York ein Feinstaubproblem hat. Wessel hat die Oberfläche seines Smartphones von allen Nutzungsspuren befreit, das blitzeblank polierte Gerät über Nacht auf die Fensterbank seiner New Yorker Wohnung gelegt, die am Morgen darauf befindlichen Staubpartikel fotografisch festgehalten und die Summe dieser speziellen Daten künstlerisch verarbeitet.

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