Speyer

Die Grünen Greenpeace-Sprecher Volker Ziesling nennt Speyer „eine Stadt auf Kriegsfuß mit den Folgen des Klimawandels“

„Taten wären besser als Worte“

Speyer.„Die Stadt Speyer hat sich zur Vorreiterin gegen die Folgen des Klimawandels erklärt, sieht sich gar als Modellkommune für Maßnahmen und Strategien zur Anpassung an den Klimawandel. Am 22. August 2019 wurde öffentlichkeitswirksam der Klimanotstand ausgerufen. Inzwischen ist die Euphorie verflacht und selbst kleinste Maßnahmen weichen anderen Überlegungen. Klimaneutralität? Vergessen! Was läuft falsch in unserer Stadt?“ Der das fragt, ist der Grüne Volker Ziesling, selbst Diplom-Forstwirt, Waldexperte und Greenpeace-Sprecher.

Und er argumentiert scharf gegen die Stadtverwaltung und deren Abteilung Stadtgrün: „Neben gravierenden Mängeln in der Behandlung des Stadtwaldes, der immer zunehmenden Verdichtung der innerstädtischen Bebauung, einer verfehlten Verkehrspolitik und einer beschleunigten Versiegelung öffentlicher und privater Flächen, passt die Entwicklung des innerstädtischen Grüns so gar nicht zu dem großspurigen Klimanotstandsgetöse. Symbolpolitik auch in Bezug auf die Folgen des Klimawandels. Anstelle einer echten Klimapolitik beschäftigt sich die Stadtverwaltung mit dem Labeling, der plakativen Kennzeichnung ihrer Maßnahmen mit schmucken Werbeaufklebern“, sagt Ziesling.

Jedes Jahr würden im Stadtwald etwa 8000 Bäume gefällt. Die Holzvorräte lägen nur bei der Hälfte des landesweiten Durchschnitts und gerade noch bei einem Drittel eines natürlichen Waldes. Ein Großteil dieses im Stadtwald geschlagenen Holzes werde der thermischen Verwertung zugeführt, es lande in den Brennöfen und entlasse den gebundenen Kohlenstoff in die Atmosphäre. „Unser Stadtwald wurde heißgeschlagen“, wie Ziesling das nennt. Und: „Das Waldinnenklima wurde durch eine jahrzehntelange Übernutzung, die auch von externen Fachexperten bestätigt wurde, zerstört. In der Folge erhöht sich während der Vegetationsperiode die Transpiration der Bäume, die nicht mehr genug Wasser aus dem trockenen Boden nachziehen können. Ein Baum, der mehr Wasser verdunstet, als er nachziehen kann, vertrocknet. Das Problem des Waldsterbens in der sommerlichen Hitze ist hausgemacht.“

Nicht besser ergehe es laut Ziesling dem innerstädtischen Grün: „In den Parks werden die von den Stadtgärtnern in Reih und Glied sauber gesetzten Blümchen in den Sommermonaten akkurat bewässert. Neupflanzungen von Bäumen werden seit Herbst 2019 mit Bewässerungsbeuteln aus Kunststoff versehen. Ein Stadtbaum benötigt aber eine genügend große Pflanzscheibe, die nicht versiegelt ist. Mit den Bewässerungsmaßnahmen werden Neupflanzungen von Bäumen nicht gerettet, sie brauchen einfach mehr Platz, der in einer Stadt, die gerne Freiflächen versiegelt, einfach nicht mehr vorhanden ist“, so der Grüne.

Kompensation sieht anders aus

Die Stadt Speyer brüste sich damit, Baumfällungen durch Neupflanzungen zu ersetzen. Aber: „Letzten Winter wurden 87 Stadtbäume gefällt und 141 Solitärbäume gepflanzt. Was sich zunächst gut anhört, ist bezüglich des Stadtklimas eine Katastrophe. Die Leistung eines etwa 15 Meter hohen Stadtbaums bezüglich Sauerstoffproduktion, Pumpleistung, Filterleistung, Kohlenstoffbindung oder Schattenwurf müsste durch die Ersatzpflanzung von 80 Bäumen kompensiert werden.

Noch schlimmer sei aber laut Ziesling: „Die Neupflanzungen folgen einem strengen Muster. Nicht die Biodiversität steht im Vordergrund der Grünplanungen, sondern Aspekte der Pflegeleichtigkeit und der Reinhaltung der Straßen und Autos. Auf der Fällliste für das kommende Jahr stehen überwiegend heimische Baumarten, wie Ahorn, Hainbuche, Weide, Birke oder Linde. Sie sind Lebensraum für heimische Insekten und dienen der Vogelwelt als Lebensgrundlage. Die Stadtgärtner pfeifen auf Artenschutz und Biodiversität. In der Pflanzliste erscheinen fast ausschließlich exotische Gehölze und allerlei Zuchtformen, die für das heimische Artenspektrum keinen Platz bieten und für das Leben der Menschen nicht zielführend sind. Wichtig für unsere Stadtgärtner sind kleine, fahnenförmige Baumkronen, die pflegeleicht sind und wegen der geringen Blatt-masse die Straßen nicht verschmutzen. Die bunten Baumschulkataloge bieten Zuchtformen mit wohlklingenden Namen wie „Columnare“, „Obelisk“ oder „Slender Shilouette“ an. Diese Beinamen verraten die schlanke Wuchsform und die Stadt kauft diese teuren Pseudobäume.“

Dabei brauche die Stadt das Gegenteil: Großkronige, weit ausladende Bäume mit dichter Blattmasse. Das einheimische Artenspektrum von Bäumen liefere trotz Klimakrise entsprechende Optionen. Hainbuche, Spitzahorn, Stieleiche oder Winterlinde seien den extremen Herausforderungen des Stadtklimas gewachsen und böten darüber hinaus Lebensraum für einheimische Insekten und eine Vielzahl von Vögeln. Andere Städte in der Vorderpfalz hätten das Problem erkannt und auf diese Herausforderung reagiert. So pflanze die Stadt Neustadt überwiegend einheimische Trau-beneichen. Speyer verharre, trotz ihrer Leuchtturmsymbolik bei Maßnahmen aus dem Gestern“, so der Greenpeace-Sprecher.

Selbst Verkehrsinseln würden säuberlich als Steingärten angelegt und mit einer Folie abgedichtet, die kein Niederschlagswasser einsickern lasse. Ziesling fragt sich: Wie will eine Stadt ihre Bürger überzeugen, aus Gründen des Stadtklimas ihre Vorgärten nicht mit Schotter abzudichten, wenn sie selbst ein so schlechtes Vorbild ist?“ In dieses Bild passten auch die ambitionierten Pläne im Norden der Stadt, weitere Flächen für eine Gartenschau zu versiegeln oder Neubauten, wie das „Guesthouse“, mit dunklen Fassaden zu genehmigen, die ein Vielfaches sommerlicher Hitze speichern.

Paradigmenwechsel notwendig

Volker Ziesling zieht in seiner Mitteilung den Schluss: „Nein, diese Stadt ist nicht klimaneutral und sie befindet sich auf keinem guten Weg. Es verdichten sich die Hinweise eines Kollektivversagens von Stadtspitze, Verwaltung, Forstbehörde und Gärtnerei. Es ist schon absehbar, dass das erklärte Klimaziel von 1,5 Grad Celsius gegenüber vorindustrieller Zeit scheitert. Projektionen gehen in der Rheinebene von einer Temperaturerhöhung zum Jahrhundertende von bis zu sieben Grad aus. Wir brauchen keine starken Statements, neue Labels und keine markigen Erklärungen unserer Stadtspitze – wir brauchen einen Paradigmenwechsel in der Gestaltung des innerstädtischen Grüns und der in der Behandlung unseres Stadtwaldes. “ zg

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