Speyer

Justiz Vor sechs Jahren ist eine Kellnerin im Speyerer Nachtcafé „Thai Orchidee“ ermordet worden – ihre Tochter wartet auf den Prozess

„Unerträgliche Situation“

Speyer.Sie will ihre Mutter erst beerdigen, wenn ein Urteil gesprochen ist – das hat sich Jasmin Schneider geschworen. Die junge Frau mit dem Alias-Namen ist die Tochter jener Nachtcafé-Kellnerin, die im August 2012 in Speyer brutal getötet worden ist. Der Pächter der Bar „Thai Orchidee“ fand die blutüberströmte Leiche seiner Angestellten an einem Mittwochnachmittag, weil sie zu dieser Zeit immer in der kleinen Bar am Roßmarkt aufräumte. Laut Polizei war die 57-Jährige da schon mehrere Stunden tot.

„Die Polizei hat ermittelt, es gibt einen Verdächtigen, eine Festnahme und eine Anklage wegen Mordes – aber bis heute keinen Prozess“, sagt Thorsten Kahl, der Jasmin Schneider als Opfer-Anwalt vertritt. In seiner Stimme schwingen Ungläubigkeit und unterschwelliger Zorn mit. „Die Anklage liegt seit drei Jahren beim Landgericht in Frankenthal und wir wissen noch nicht einmal, ob sie zugelassen wird und es jemals zum Prozess kommt“, sagt der Jurist im Gespräch mit dieser Zeitung. Für die Tochter sei das eine unerträgliche Situation.

Zahlreiche Verletzungen

Das blutige Verbrechen mitten in der Speyerer Altstadt hat damals für großes Entsetzen gesorgt. Die Polizei sprach von einer „sehr grausamen Tat“. So sei der Körper des Opfers mit Stich- und Schlagverletzungen übersät gewesen. Die Mainzer Rechtsmedizin stellt später fest, dass die Kellnerin durch „massive stumpfe Gewalteinwirkung auf Hals und Oberkörper“ innerlich verblutet ist.

Schnell gehen die Ermittler davon aus, dass es der mutmaßliche Täter auf die Spielautomaten in dem Nachtcafé abgesehen hatte und die Kellnerin ihn am Aufbrechen hindern wollte. „Der Hauptverdächtige ist wegen Raubüberfällen vorbestraft. Er hat als DJ in der ,Thai Orchidee’ gearbeitet und kannte die Mutter meiner Mandantin“, trägt Kahl Fakten aus den Akten vor. Er habe sicher gewusst, wann die 57-Jährige allein in den Kellerräumen der heute geschlossenen Bar arbeitet und wann in den Geldautomaten größere Mengen Münzgeld liegen. Bei einer Hausdurchsuchung seien Handschuhe mit DNA-Spuren des Opfers sichergestellt worden. „Aufgrund von weiteren Indizien und Zeugenaussagen hat die Staatsanwaltschaft im April 2014 Haftbefehl beantragt und die Polizei hat mit einem 42 Jahre alten Mann den mutmaßlichen Mörder festgenommen. Da dachten wir, dass die Aufarbeitung bald beginnen kann“, berichtet der Jurist.

Doch der Mann aus dem Rhein-Pfalz-Kreis legt gegen die Untersuchungshaft Beschwerde beim Pfälzischen Oberlandesgericht in Zweibrücken ein, bekommt Recht und wird nach drei Monaten aus der Haft entlassen. Im Frühjahr 2015 sei schließlich Anklage wegen Mordes erhoben worden. Darin gehe die Staatsanwaltschaft davon aus, dass die Frau getötet wurde, um einen Raub zu verdecken. Seither sei trotz beständiger Nachfragen nichts passiert: „Ich höre stets, dass die Erste Strafkammer mit vorrangigen Haftsachen überlastet und eine Bearbeitung derzeit nicht möglich ist.“

Seit 35 Jahren vertritt Kahl bundesweit die Opfer von Gewalttaten und gibt Rechtsseminare für die Polizei. „Ich habe auch die missbrauchten Kinder der Odenwaldschule vertreten, aber dieser Fall lässt mich in einer noch nie da gewesenen Weise am Rechtsstaat zweifeln.“ Er werde jetzt eine Klage wegen Untätigkeit beim Oberlandesgericht einreichen, „gerügt habe ich diese nicht nachvollziehbare Verzögerung bereits“.

Schwurgericht überlastet

„Ich will nichts beschönigen, da sind die Tochter eines Mordopfers, das mit der Tat abschließen möchte, und ein Angeschuldigter, der nicht weiß, wie es weitergeht“, räumt Harald Jenet, Präsident des Frankenthaler Landgerichts ein. Allerdings handle es sich bei dem Mord in der „Thai Orchidee“ um einen Sonderfall: „Normalerweise sitzen Mordverdächtige in Untersuchungshaft und das Verfahren gegen sie muss innerhalb von sechs Monaten eröffnet werden.“ Das Frankenthaler Schwurgericht – das alle vorsätzlichen Tötungen verhandeln muss – sei derzeit mit den Indizien-Prozessen um den Babymord, die Morde in einem Lambrechter Altenheim sowie mit der Entführung und Ermordung von zwei Unternehmern befasst. Nicht-Haftsachen müssten warten. „Wenn eines dieser Mammut-Verfahren abgeschlossen ist, kann die Kammer entscheiden, ob sie die ,Thai-Orchidee’-Anklage zulässt“, so Jenet. „Wir wollen das in diesem Jahr angehen“, sagt der Landgerichtspräsident.

Wenn es zum Prozess kommt, will Jasmin Schneider – die für eine Hilfsorganisation im Ausland arbeitet – nach Frankenthal reisen. „Ich habe ihr davon abgeraten, aber sie sagt, dass sie einen Schlussstrich braucht und deshalb ihren Urlaub aufspart“, berichtet Kahl. Ob der ausreicht, ist fraglich, denn mit der „Thai Orchidee“ rollt der nächste Riesenprozess auf das Frankenthaler Schwurgericht zu. Allein 50 Zeugen sollen laut Jenet zu Wort kommen. Wie gut ihre Erinnerung nach so langer Zeit ist, sei dahingestellt.

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