Speyer

Klassik Motettenchor holt sein Passionskonzert in St. Joseph nach

Unsterblich hoffend

Archivartikel

Speyer.Ein Glück, dass es gerade noch stattfinden konnte – wie schade, dass es das letzte Konzert vor dem Lockdown war, den die Regierenden über die Kulturszene verhängt haben. Und so überwog in der Speyerer Kirche St. Joseph die Passionsstimmung. Auch in programmatischer Hinsicht. Denn das Konzert am Sonntagabend hatte der Motettenchor Speyer für die Zeit vor Ostern vorbereitet und sich dabei an den Ablauf des Kirchenjahres orientiert. Das Konzert fiel seinerzeit der grassierenden Pandemie zum Opfer.

Die betrüblichen Aussichten, mit denen die Kulturlandschaft angesichts der neuerlichen Streichungen konfrontiert ist, verliehen dem Passionsgedanken nun Anfang November eine eigene Evidenz.

Signal für Neubeginn

Eine bittere Pille auch für Stephan Rahn, der den Motettenchor vor einem Jahr von dessen langjähriger Leiterin Marie Theres Brand übernommen hatte; zumal Rahn gleich beim ersten Konzert ein überzeugendes Signal für einen Neubeginn setzte. Ein solcher Auftakt verlangt nach Bestätigung durch nachfolgende Taten – die um ein halbes Jahr aufgeschoben werden mussten und nun abermals nicht zum Zug kommen. Doch in die Bitterkeit mischt sich, auch hierin mag man dem Passionsgedanken folgen, das Ingrediens des Trostes. Denn der Motettenchor hat unter Stephan Rahns Leitung in den vergangenen Monaten nicht nur den harten Probeeinschränkungen getrotzt, sondern deutlich an Profil gewonnen.

Für einen synchronen Chorgesang ein Unding: das weite Auseinanderstehen der Sänger und Sängerinnen, sowohl bei den Proben als auch im Konzert. Der rund 30-köpfige Chor nimmt über die gesamte Breite vor dem Altarraum Aufstellung. Hierdurch werden wir schon in Johann Sebastian Bachs Kantatensatz „Der Gerechte kommt um“ vom elegischen Fließen der Stimmen umfangen, die Stephan Rahn bei sanft getragenem Tempo mit behutsamer Zeichengebung in der Schwebe hält. Die Trauer über die Endlichkeit menschlichen Lebens dringt auch in der Kantate „Jesu, meine Freude“ durch, in der sich Freude allenfalls als Geschehen einer tiefen Innerlichkeit zeigt – wie durch herben Schmerz empfunden.

Den Choral intonieren die Sängerinnen und Sänger in gefühlvoll phrasierten Bögen und eng am Text orientierter Artikulation. Kein überbetonter Vortrag, sondern ein Gesang, der sich mit dem inneren Herzschlag dieser Musik verbunden weiß. Auch die fugierten Einsätze und die zahlreichen melismatischen Passagen haben Prägnanz – mit der nach unten kippenden Seufzersekunde in „Gute Nacht, o Wesen“ droht Resignation, die vom Schluss-choral „Weicht, ihr Trauergeister“ jedoch beherzt verdrängt wird.

Erschütterndes Klangerlebnis

Höhepunkt dieser Aufführung: Knut Nystedts A-Cappella-Stück „Immortal Bach“, das diesem Konzert seinen Titel gab. Fünf Chorgruppen verteilen sich im Kirchenraum; hierdurch wirken die metrisch verschobenen, sich nach jeder Phrase konsonantisch wiederfindenden Stimmen umso mystischer. Auch die vielfältigen dynamischen Nuancen schaffen ein besonderes, geradezu erschütterndes Klangerlebnis.

Zuvor hatte das Ensemble „L’arpa festante“ mit einer Suite von Bach-Cousin Johann Bernhard dank schnörkellosem Streicherklang und scharfen Kontrastwirkungen zwischen den einzelnen Sätzen barocke Sinnlichkeit aufleben lassen. Den Gesang des Motettenchors illustrierten die Musiker mit diskreter, aber auch mit etwas – kirchenbaulich bedingter – mulmiger Akustik.

Den Kirchenchoral „Verleih uns Frieden gnädiglich“ gab der Motettenchor am Ende zu. So aktuell diese Bitte wirkte, so trostvoll die Hoffnung, die in ihr schwingt. Nicht nur Bach ist unsterblich – die Hoffnung ist es auch.

Das Wichtigste von heute
Newsticker Schwetzinger Zeitung
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker überregional