Speyer

Literatur Isabel Bogdan stellt bei Speyer.Lit ihren neuen Roman vor

Weglaufen, um anzukommen

Archivartikel

Speyer.Eine Frau läuft. Sie läuft, als würde sie fliehen – vor sich, dem Leben, den Erinnerungen. Und vor dem Schmerz, der sich beim Laufen immer stärker vernehmlich macht und der sich irgendwann nicht mehr verdrängen lässt. Am Ende ist es ein Lauf zu sich selbst, den Isabel Bogdan in Echtzeit beschreibt.

Die ersten Passagen ihres neuen Romans „Laufen“ liest die Hamburger Autorin in der Speyerer Heiliggeistkirche mit jener Atemlosigkeit, die das nahe Aufgeben ankündigt. Noch deutlicher als beim bloßen Lesen wird das Lauferlebnis sprachlich adäquat umgesetzt. Wilde Gedanken- und Assoziationsfetzen fügen sich zu einer Romanbiografie, in der es um die Überwindung des Verlustes eines nahestehenden Menschen geht.

Zurück liegt ein Jahr „ohne dich“, das der namenlosen Läuferin, mit deren Gedanken- und Seelenwelt wir aber mehr und mehr vertraut werden, erkennbar in den Knochen steckt. Und es stellt sich die Frage, wie ein Mensch weiterleben kann, nachdem ein anderer gestorben ist. „Tut mir leid, wenn ich Sie ein wenig erschlagen habe“, entschuldigt sich Isabel Bogdan nach dem ersten Teil ihrer Lesung bei ihrem Publikum. Denn mehr und mehr entfaltet sich im unaufhörlichen Sprachfluss eine Tragödie.

Thema von „Laufen“ ist die Depression als Krankheit. Als Leiden, das im schlimmsten Fall zum Tode führen kann. „Es ist nicht meine Geschichte – zum Glück“, distanziert sich die Autorin von ihrer weiblichen Hauptfigur. Sie habe stattdessen mit Psychotherapeuten gesprochen und sich über die Nöte von Angehörigen informiert, die den Verlust eines nahestehenden Menschen betrauern. Schuldgefühle seien in solchen Fällen vorrangig. Aber auch Probleme im Akzeptieren, dass ein vertrauter Mensch trotz einer als gelungen empfundenen Beziehung nicht mehr weiterleben wollte.

Erfahrung einer Autorin

Ihr Verlag – Kiepenheuer & Witsch – habe ihren Romanentwurf zunächst mit Skepsis betrachtet, berichtet Bogdan. Zumal er stilistisch und konzeptionell von ihrem Erstling abweiche. Inzwischen habe der gute Zuspruch durch Leser und Kritik freilich alle Skepsis beseitigt. „Laufen“ ist offenbar auch die Erfahrung einer Autorin auf der Suche nach schriftstellerischer Identität.

Eine Kurzgeschichte über das Laufen habe sie bereits vor ihrem Erstling – „Der Pfau“ – geschrieben, erläutert Isabel Bogdan, die mit ihrer Hauptfigur lediglich gemein hat, dass sie selbst gerne die Joggingschuhe schnürt. Zum Thema Depressionen sei sie gekommen, als ein entfernter Bekannter sich das Leben genommen habe – als Ehemann und Vater kleiner Kinder. Dabei habe sie sich vor allem gefragt, wie die hinterbliebene Frau mit dieser Situation zurechtgekommen sei.

Die Zuhörer in der Speyerer Heiliggeistkirche sind von dem schnörkellosen, zuweilen drastischen Sprachstil der Autorin betroffen. Die Offenheit, mit der Isabel Bogdan sich auch persönlich äußert, macht Eindruck. Ihre Lesung lässt sie mit einem hoffnungsvollen Ausblick enden: Beim Joggen rund um die Hamburger Alster wird die Läuferin im Roman auf einen gut aussehenden Mitläufer aufmerksam. Ein Happy End wird nicht versprochen – doch die fast schon abgestorbenen Lebensgeister sind geweckt.

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