Speyer

Gedenkveranstaltung Erinnerungen und Zukunftsgedanken mit Bernhard Vogel und Isabelle Wien

Wiedervereinigung alles in allem gelungen

Archivartikel

Speyer.Zum Gedenken an den Tag der Deutschen Einheit führt der von Michael Wagner geleitete Förderkreis Palatina-Klassik in Kooperation mit der Stadt seit 2012 jeweils am Freitag vor dem 3. Oktober die Veranstaltung „Zukunft braucht Erinnerung“ durch. Inhaltlich orientiert sie sich an einem Zitat des 2017 verstorbenen früheren Bundespräsidenten Roman Herzog, der 1997 in Berlin äußerte, dass ohne gründliches Wissen um seine Geschichte auf Dauer kein Volk bestehen könne.

Für die Veranstaltung im Historischen Ratssaal hatte der Förderkreis Ministerpräsident a. D. Professor Dr. Bernhard Vogel und Schwester Isabelle Wien, Oberin der Diakonissen Speyer-Mannheim, als Gesprächspartner gewinnen können. Fester Bestandteil der Veranstaltung ist das Palatina-Klassik-Barockensemble unter Leitung von Professor Leo Kraemer, das die Besucher mit exzellent vorgetragenen Werken von Johann Sebastian Bach, Antonio Vivaldi, Wolfgang Amadeus Mozart und Joseph Haydn begeisterte.

Andächtiges Schweigen

Als Robert Frank (Violine), Susanne Phieler (Violine), Stephanie Phieler (Viola) Sven Mühleck (Violoncello) und Leo Kraemer am Cembalo mit Haydns Variationen aus dem Kaiserquartett den Bogen zur Nationalhymne spannten, herrschte andächtiges Schweigen im Saal, das sich nach dem Verklingen letzter Töne in langanhaltenden Beifallsbezeugungen entlud.

Bevor Speyers Ehrenbürger Bernhard Vogel und Isabelle Wien im Zwiegespräch Erinnerungen und Zukunftsgedanken austauschten, zitierte Förderkreisvorsitzender Michael Wagner auszugsweise den ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck, der am 3. Oktober 2015 in seiner Frankfurter Festrede sagte: „Der Tag der Deutschen Einheit ist für unser Land ein Datum der starken Erinnerungen und Anlass für einen dankbaren Rückblick auf mutige Menschen. Die innere Einheit konnte wachsen, weil wir uns als zusammengehörig empfanden und in Respekt vor denselben politischen Werten gemeinsam leben wollten.“

Wagners Begrüßungsrede verfolgten im voll besetzten Ratssaal knapp 100 Zuhörer, darunter Kirchenpräsident Christian Schad und Mannheims Ehrenbürger Dr. Manfred Fuchs. Nach den Ausführungen des Vorsitzenden begaben sich Vogel und Wien ohne Umschweife „in medias res“, wobei der frühere Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und Thüringen aus einem unerschöpflichen Reservoir eigener Erkenntnisse schöpfen konnte und seine Gesprächspartnerin sich souverän den Fragen des erfahrenen Zeitzeugen stellte.

Auf den Mauerfall vom 9. November 1989 eingehend sagte Vogel: „Damals haben die Bürger der DDR bewiesen, dass nicht nur Franzosen, sondern auch Deutsche zu einer Revolution fähig sind.“ Wien erlebte den geschichtsträchtigen Tag bei ihren Eltern in Karlsruhe. „Das ist eine weltgeschichtliche Zäsur“ habe ihr Vater mit Tränen in den Augen ausgerufen, erinnerte sich die Oberin an Gänsehautmomente im Elternhaus. Was dienstliche Kontakte nach Ostdeutschland vor und nach der Wende anbelangt, rief Wien in Erinnerung, es habe seitens der Diakonie bereits vor der Wende Kontakte in die DDR gegeben. Nach der Wende habe man daran anknüpfen können, was bis heute in Partnerschaften zu Mutterhäusern in Dessau und Berlin zum Ausdruck komme.

Es gibt noch immer ein Gefälle

Einig waren sich beide in der Einschätzung, dass die Wiedervereinigung alles in allem gelungen sei. Vogel verhehlte jedoch nicht, dass es bei Löhnen, Renten und Arbeitslosigkeit immer noch ein Gefälle zu Lasten der neuen Bundesländer gebe. Mit Blick auf die jüngsten Ereignisse in Chemnitz wurde angemerkt, dass enttäuschte Erwartungen ein fruchtbarer Nährboden für rechtspopulistische Tendenzen sein können. „Wir haben es nach zwölf Jahren Hitler-Regime und 44 Jahren kommunistischer Diktatur teilweise mit gebrochenen Biografien und einem Vertrauensverlust in Staat und Medien zu tun, betonte Vogel, für den rechte Tendenzen vor dem Hintergrund der deutschen Vergangenheit jedoch nicht tolerierbar sind.

Vorausblickend ergänzten die Gesprächspartner übereinstimmend, man müsse ein neues Wertebewusstsein entwickeln, mutig die Probleme der Gegenwart und Zukunft angehen und sich bei der Fülle der anstehenden Aufgaben an die Nachkriegszeit mit ganz anderen Herausforderungen erinnern.

Mit Kennedys berühmt gewordenem Satz „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann. Frage lieber, was du für dein Land tun kannst“, klang die informative Gesprächsrunde mit einem Appell an das Selbstverständnis und Engagement der Bürger aus.

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