Speyer

Industriehof Bürgerinitiative schreibt Stadtratsfraktionen

„Wollen Zeit gewinnen“

Archivartikel

Speyer.Sie haben Angst davor, dass der Industriehof nach dem Verkauf an einen Investor seinen einzigartigen Charakter verliert und befürchten, dass die rund 150 bestehenden Gewerbebetriebe in diesem 7,7 Hektar großen Areal in ihrer Existenz bedroht sind. Die vor zwei Wochen von rund 50 besorgten Bürgern, etwa zur Hälfte Mieter in Industriehof-Gebäuden, gegründete Bürgerinitiative „Rettet den Industriehof: Für unser Speyerer Handwerk, Kleingewerbe und unsere Kulturschaffenden“ hat nun in einem offenen Brief an die Stadtratsfraktionen ihre Bedenken geäußert und um ein Überdenken der von ihr festgestellten Planungsschieflage ersucht.

Im Juli 2018, vor den OB-Wahlen, hatte der Stadtrat mit großer Mehrheit eine Veränderungssperre für den Industriehof und gleichzeitig beschlossen, das Gebiet als Gewerbegebiet auszuweisen. Dieser Beschluss sei von den Bürgern und auch „von überörtlichen Organisationen“ positiv aufgenommen worden. Nun ist im Bauausschuss eine seltsam anmutende neue Vorlage präsentiert worden, die das ursprünglich beabsichtigte und beschlossene Gewerbegebiet als „urbanes Gebiet“ ausweisen soll. Die Entscheidung hierüber ist zunächst vertagt worden, soll aber im Dezember zur Abstimmung vorgelegt werden.

„Es gibt hier alles, von richtig gut bis richtig schlecht“, hatte Eigentümer Stefan Johann beim Rundgang durch das großflächige Industriehof-Gelände auf den in mehreren Jahrzehnten angewachsenen Sanierungsstau und das Ansinnen des Projektentwicklers, der Industriehof Speyer GmbH, hingewiesen, den Duktus des von Gewerbetreibenden geprägten Areals zu bewahren. Erhalt und Instandsetzung der historischen Gebäude und Hallen stünden für die Investoren ganz oben auf der Agenda, hatte Mitgesellschafter Dr. Martin Koch gegenüber den Mitgliedern des Bau- und Planungsausschusses im September 2018 beteuert.

Bei einer Ausweisung als „urbanes Gebiet“ sind zwar baurechtlich „das Wohnen nicht erheblich störende Gewerbebetriebe zugelassen“, aber Vorrang bei diesem Gebietstyp hat die Wohnbebauung, betont BI-Mitglied Karl-Heinz Erny. Der Architekt, der viele Jahre im Bauausschuss seine Berufserfahrung einbrachte, befürchtet, dass mit der „extrem hohen Verdichtungsmöglichkeit der Charakter des Industrieareals verlorengeht“ und einige Mieter wegen möglicher Lärmbelastung ihrer Existenzgrundlage beraubt werden.

Die jetzige Struktur des gewachsenen Industriegeländes darf nach Überzeugung der Bürgerinitiative nicht auf Kosten einer „Schickimicki-Wohnbebauung“ geopfert werden, weist BI-Sprecher Axel Elfert auf die ebenfalls in Rheinnähe liegenden Beispiele auf dem ehemaligen Erlusgelände und dem benachbarten Dupré-Komplex hin.

Altlasten nicht berücksichtigt

Ein weiterer Kritikpunkt der besorgten Bürger: Bislang völlig unberücksichtigt seien in der Vorlage die seit Jahrzehnten bekannten Altlasten auf dem Gelände der ehemaligen Celluloidfabrik Kirrmeier und Scherer sowie die berechtigten Belange des Denkmalschutzes. „Es geht uns nicht um Schuldzuweisung, sondern nur darum, Zeit zu gewinnen, damit nicht noch in diesem Jahr etwas Falsches beschlossen wird“, bekräftigt BI-Schriftführer Klaus Stein.

Erny, DGB-Stadtverbandsvorsitzender Elfert, Journalist Stein und Schreinermeister Georg Memmel können sich allenfalls vorstellen, dass ein Teil des Areals als „urbanes Gebiet“ ausgewiesen wird. Nun möchte das Führungsquartett erst einmal erreichen, dass die Stadtverwaltung „ihre Hausaufgaben macht“ und nicht blindlings dem Projektentwickler den Boden bereitet.

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