Speyer

Gedenkfeier 80. Jahrestag der Pogromnacht / Schweigemarsch durch die Innenstadt / Drei neue Stolpersteine vorgesehen

„Worte sind Vorbild für andere“

Speyer.Rund 300 Frauen, Männer und Jugendliche bezogen gestern Abend deutlich Position für ein Leben in Respekt und friedvollem Miteinander. Nach einer Zusammenkunft in der Synagoge Beith-Schalom setzte sich am St. Guido-Stifts-Platz ein Schweigemarsch in Richtung Maximilianstraße in Bewegung. Zum Abschluss der Erinnerung an die Reichspogromnacht vor 80 Jahren fanden sich die Menschen am Gedenkstein am Standort der ehemaligen Speyerer Synagoge in der Hellergasse ein.

Dreimal stoppte die Menschentraube in der Hauptstraße. Sabrina Albers, die die Initiative „Stolpersteine für Speyer“ vertrat, erinnerte an die Lebensgeschichten der jüdischen Familien Altschüler, Mayer und Cahn in Höhe der Hausnummern 61 bis 64. Dort sollen im kommenden Jahr weitere Stolpersteine zum Gedenken an die Schicksale verlegt werden. Einen Finanzbaustein liefert die Dompfarrei Pax Christi, wie Diakon Paul Nowicki gestern bekannt gab.

Angst, Erniedrigung, Bedrohung

Zuvor hatte Oberbürgermeister Hansjörg Eger im Gemeindesaal der Synagoge daran appelliert, nie zu vergessen, wozu der Mensch fähig ist, sowohl im Guten, als auch im Bösen. Die Sprache stellte er als Instrument für Stimmungen vor, für Motivationen, die erzeugt werden. „Worte sind Vorbild für andere“, stellte Eger heraus und wies darauf hin, wie eine Atmosphäre der Angst, Erniedrigung und Bedrohung entstehen kann, wenn sich täglich die Grenze des akzeptablen Umgangs miteinander verschiebt.

Bezogen auf politische Gruppierungen sprach Eger von einem Öffnen der Büchse populistischer Ausdrucksformen, was die gesellschaftliche Atmosphäre vergifte und zur Verrohung führe. Zu polarisieren führe dazu, dass es keine Vielfalt, keinen Individualismus mehr gebe. „Die Gesellschaft verarmt ohne den einzelnen Menschen, ohne die einzelne Kreativität und Träume“, machte der OB deutlich.

Vor 80 Jahren habe der Rassismus das Feuer geschürt, Leid und Tod in die Welt gebracht. Heute erlebe man Extremismus und Nationalismus auf Kosten der Mitmenschlichkeit, so Eger. Anknüpfend an seine Worte äußerte sich der Vorsitzende des DGB-Stadtverbands, Axel Elfert, am Gedenkstein in der Hellergasse mit deutlichen Worten zu den aktuellen politischen Strömungen von rechts. Er wies auf „braune Netzwerke“ hin, die bei vielen im Zuge der Flüchtlingsfrage ein Gefühl der Angst ausgelöst hätten. Die Wahlergebnisse der zurückliegenden Wochen und Monate seien in dem Zusammenhang „alarmierende Denkzettel“.

„Fordern wir alle ein Aufstehen vom Sofa, ein aktives, gemeinsames Eintreten für unsere Demokratie –denn das ist die beste unserer Staatsformen“, rief Elfert den Umstehenden zu und ergänzte: „Aber sie muss jeden Tag neu vertreten werden.“ Der Leitsatz müsse lauten: „Gemeinsam – nie wieder 1933.“

Geschlossenheit gezeigt

Die gemeinsame Ausrichtung der Gedenkveranstaltung durch die Jüdische Kultusgemeinde der Rheinpfalz, des DGB Stadtverbands, die Initiative „Stolpersteine für Speyer“, die Dompfarrei Pax Christi und der Stadt Speyer demonstrierte Geschlossenheit. Einen Tag vor der verheerenden Zerstörung der ehemaligen Synagoge durch die Nationalsozialisten wurde die Veranstaltung in diesem Jahr durchgeführt, um nicht mit dem Shabbat zu kollidieren.

Musikalisch hochwertig und einfühlsam gestaltet wurde das Gedenken in der Synagoge durch Daniel Spektor (Violine), Alexander Levental (Piano), Elina Feiertag (Cello) und Tamara Ibragimova (Text) sowie von „Blueswolf“ Wolfgang Schuster am Gedenkstein.

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