Speyer

Neues Buch Leo Waldbott beschreibt sehr persönlich das städtische Leben zwischen 1890 und 1938 / Enkelin findet das Manuskript

Zufallsfund mit Blick aufs jüdische Speyer

Archivartikel

Speyer.Die informative „Schriftenreihe der Stadt Speyer“ mit vertiefenden Beiträgen zu unterschiedlichsten Themen der Stadtgeschichte ist um eine Publikation reicher. Seit den 1980er Jahren in unregelmäßigen Abständen erscheinend, sind im 22. Band unter dem Titel „Leo Waldbott – Jüdisches Leben in Speyer 1890 bis 1938“ Erinnerungen des Lehrers für jüdische Religion und Geschichte, der in der Speyerer Synagoge vertretungsweise auch die Aufgaben eines Kantors und eines Rabbiners wahrnahm, in einer Form zusammengefasst, die weit über die üblichen Inhalte biografischer Schriften hinausgeht.

Verwoben mit Auszügen aus den Aufzeichnungen seines Sohnes George, lässt Leo Waldbott (1867 bis 1940) den Leser an einer Zeitreise teilhaben, in der dargestellt wird, wie es den meisten deutschen Juden in den Jahren vor und nach Hitlers Machtergreifung erging. In einführenden Worten wird darauf hingewiesen, dass Juden in Deutschland vor „jenen schändlichen Hitlerjahren“ die gleichen Rechte wie andere deutsche Bürger genossen.

Autorin des mit einem Grußwort von Oberbürgermeisterin Stefanie Seiler und 25 Bildern aus jener Zeit versehenen Druckwerkes ist Waldbotts inzwischen 88-jährige Enkelin Betsy Ramsay, eine in englischer Literatur graduierte Journalistin. Die gebürtige Amerikanerin und Tochter von George Waldbott lebte gut 30 Jahre in Schweden und ist seit 1987 in Israel ansässig. Eine Kopie des vom Großvater in einem altmodisch-förmlichen Deutsch verfassten Manuskriptes fand die Enkelin rein zufällig nach einem Umzug in einem vor Papieren überquellenden Karton. Von ihr ins Englische übersetzt, erfolgte 2008 dann unter dem Titel „Crystal Fragments“ die Erstausgabe in Israel und New York.

Dass das Werk mit einem starken Bezug zu Speyer und der übrigen Pfalz nun auch in deutscher Sprache vorliegt, haben die Leser nicht nur dem Herausgeber, sondern vor allem der Übersetzung von Gregor Brand und der redaktionellen Bearbeitung mit Lektorat von Katrin Hopstock zu verdanken.

In ihrer Vorbemerkung weist die frühere stellvertretende Leiterin vom Stadtarchiv Speyer darauf hin, dass die vielen lokalen Details das Buch gerade für Speyerer Leser interessant machen. Nachdem Ramsay Ende Dezember 2015 beim Stadtarchiv nachgefragt hatte, ob Interesse an einer deutschen Veröffentlichung bestehe, mussten die Entscheidungsträger nicht lange überlegen. Kopien des Urskriptes befinden sich im „United States Holocaust Memorial Museum“ in Washington und im Heidelberger „Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland“.

Altenheim einfach angezündet

Gepaart mit beruflichen Erinnerungen, reflektiert das Druckwerk vor allem die persönlichen Gefühle von Waldbott, was in besonderer Weise ein Altersheim für pfälzische Juden in Neustadt an der Weinstraße betrifft, das auf sein Betreiben hin ab 1912 errichtet und in der Reichskristallnacht vom 9. auf 10. November 1938 bis auf die Grundmauern niedergebrannt wurde.

Viele der meist über 70-jährigen Einwohner irrten hilflos in der Stadt umher. Zwei kamen in den Flammen um. Am gleichen Tag wurden Juden zwischen 16 und 70 Jahren verhaftet und ins KZ Dachau verbracht. Das blieb den Heimbewohnern zwar erspart, aber an sie erging der Befehl von Gauleiter Josef Bürckel, dass sie Stadt und Gau bis zum Einbruch der Dunkelheit zu verlassen hatten.

Waldbott, der nach der Kristallnacht zu seinen Kindern nach Detroit/USA ausreisen konnte und dort 1940 starb, lebte seit den späten 1890er Jahren in Speyer. Das Wohnhaus stand in der Schwerdstraße 22. 1911 wurde Waldbott von Prinzregent Luitpold von Bayern zum Hauptlehrer ernannt. 1916 erfolgte die Beförderung zum Oberlehrer.

Den Grund für Hitlers Machtübernahme sieht er so: „Die Leute sehnten sich nach einem, von dem sie hofften, er würde die Antwort auf ihre Bedürfnisse sein.“ Weiter heißt es, dass die jüdische Bevölkerung in der Pfalz politisch nie auffällig gewesen sei. Dass 13 jüdische Männer aus Speyer in den Kämpfen des Ersten Weltkrieges für Deutschland ihr Leben ließen, habe nach der Machtergreifung keine Rolle mehr gespielt.

Zu den historischen Fotos gehören Aufnahmen von der Speyerer Schiffsbrücke, Pionierkaserne, Kavalleriekaserne (Vorgängerbau des Historischen Museums) und der Synagoge vor der Zerstörung, an die das von Bildhauer Wolf Spitzer neu eingefasste Mahnmal hinter dem Kaufhof erinnert.

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