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Mannheim nach der Bombardierung 1943 und heute: Die Fotografen

Archivartikel

Wer die Nacht auf den 6. September 1943 in Mannheim erlebt hat, dem bleibt sie wohl für immer im Gedächtnis. Auch was sie zurück ließ, muss sich eingebrannt haben: das Bild einer Stadt in Schutt und Asche. Die Nacht, in der die Bomben fielen, kostete 414 Menschen das Leben, 90 000 Bürger verloren ihr Zuhause. Danach war in Mannheim nichts mehr wie zuvor.

Einer, der das Ausmaß der Zerstörung dokumentiert hat, war Otto Spuler. Die von ihm gemachten Fotos werden heute im Stadtarchiv aufbewahrt. Ihre Zahl, sagt Susanne Schlösser, Leiterin des Historischen Archivs, gehe in die Tausende; längst habe man nicht alles erfasst und digitalisiert. Warum der damalige Leiter der Feststellungsbehörde für Kriegsschäden die meisten Bilder auch selbst schoss, weiß man nicht genau. Vermutlich habe er es sich nicht nehmen lassen, weil die Katastrophe auch ihn sehr getroffen habe, sagt Susanne Schlösser.

Auf der Suche nach der gleichen Perspektive

75 Jahre später besucht der Fotograf Christoph Blüthner die Orte noch einmal – in der Tasche die alten Bilder in schwarz-weiß, Kopien, Aufzeichnungen. Blüthner will nicht nur zeigen, wie Häuser, Plätze und Straßen heute aussehen. Er ist auf der Suche nach einer bestimmten Perspektive – nach genau jener Sicht, die der damalige Fotograf Otto Spuler auf die verwüstete Stadt hatte. Es ist ein ehrgeiziges Projekt, das auch dem Profi einiges abverlangt.

Otto Spuler hat genauestens festgehalten, wo und wann er etwas fotografierte. Eine Arbeit, die dokumentarischen Wert besitzt. Und eine Arbeit, die auch Christoph Blüthner hilft. Doch 75 Jahre später findet er andere Bedingungen vor:

Es braucht mehrere Anläufe, bis er die richtige Position zum Fotografieren gefunden hat. Immer wieder versperren ihm Bäume die Sicht, oder Straßenbahnen lassen ihm kaum Zeit, sein Motiv abzulichten. Otto Spuler, bemerkt Blüthner zudem, muss mit der Kamera mitten in den Ruinen gestanden haben – an vielen der alten Stellen stehen heute Häusermauern. Um die Puzzleteile zusammenzufügen, spricht Blüthner mit Menschen auf der Straße, sucht Zeitzeugen, die sich erinnern. Manchmal klingelt er an Häusern – in der Hoffnung, vom Balkon oder Fenster aus fotografieren zu können.

Ist ein Motiv im Kasten, geht in der Dudenstraße die Arbeit weiter: Die Online-Redaktion stellt die Motive im „morgenweb“ nebeneinander – nun muss nur die Maustaste gedrückt und hin und her bewegt werden, um wahlweise das alte oder das neue Bild betrachten zu können. Um eine möglichst übereinstimmende Darstellung zu erreichen, wurden die aktuellen Aufnahmen von Christoph Blüthner zum Teil in Photoshop nachbearbeitet. Dabei ging es jedoch nur um die Angleichung von Darstellungsdifferenzen, wie sie beispielsweise aus der Verwendung unterschiedlicher Brennweiten oder Objektiven entstehen.

Die Bildpaare lassen nun nicht nur erkennen, wie sich das Stadtbild gewandelt hat. Sondern auch wie die Stadt sich neu erfunden hat – und wieder zum Leben erwacht ist.

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Die Fotografen


Otto Spuler (Bild: Marchivum)

Otto Spuler, 1903 in Erlangen geboren, trat im Mai 1938 als Oberrechtsrat in die Dienste der Stadt Mannheim. 1943 wurde er zusätzlich mit der Leitung der Feststellungsbehörde für Kriegsschäden betraut. 1949 berief man ihn zum stellvertretenden Leiter des Finanzreferats; 1951 wurde er Stadtdirektor. Von 1961 bis 1968 war er Finanzbürgermeister. Im Ruhestand gehörte er noch bis April 1975 für die Mannheimer Liste dem Gemeinderat an. Otto Spuler starb am 25. März 1989 in Mannheim.


Christoph Blüthner (Bild: Blüthner)

Christoph Blüthner arbeitet regelmäßig für diese Zeitung. Die Fotografie hat es dem 54-Jährigen angetan, spätestens seit seine Großmutter eine Agfa-Box aus dem Schrank zog – sie hatte dem verstorbenen Großvater gehört. Heute liebt er vor allem auch den Umgang mit den Menschen, die seine Arbeit mit sich bringt. Langweilig wird es nie: „Fotografie ist für mich ein ewiges Experimentieren.“