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Bei dieser Feier fliegen die Fetzen

„The Party“: Sally Potter thematisiert Erfolg, Scheitern und überholte Sitten und lässt ihre Figuren verzweifeln

Alle rechneten mit einem entspannten Abend mit Freunden. Mit einer lockeren Plauderei, dem Austausch ohnehin bekannter Ansichten, und am Ende lächeln alle und gehen zufrieden heim. So spielt es sich meistens ab. Aber eben diesmal nicht. Es läuft aus dem Ruder. Es gibt hemmungslose Offenheit, Streit, unerwartete Geständnisse – und der Abend wird zum Fiasko. Eine solche Geschichte erzählt Sally Potter mit ihrem Kammerspiel „The Party“ (2017, erhältlich auf DVD, Blu-ray Disc und als Video-on-Demand), das bei der Berlinale mit viel Beifall aufgenommen wurde und hierzulande immerhin 160 000 Zuschauer in die Kinos lockte. Ein knackiger, nur 71 Minuten langer Schwarz-Weiß-Film, der sich als süffisanter Blick auf die linksliberale Elite Großbritanniens versteht.

Die Gastgeberin Janet (Kristin Thomas), Politikerin der nicht explizit benannten Oppositionspartei, ist soeben zur Schatten-Gesundheitsministerin ernannt worden, und das würde sie gerne ein bisschen feiern. Nur ihr Ehemann Bill (Timothy Spall) scheint darauf keine Lust zu haben. Mürrisch sitzt er im Wohnzimmer und legt alte Platten auf. Ein überraschendes Geständnis von ihm steht am Anfang eines höchst turbulenten Abends. Zu Gast auch: die permanent zynische April (Patricia Clarkson), die mit ihrem Ehemann, dem esoterischen Therapeuten Gottfried (Bruno Ganz), verbale Kämpfe ausfechtet. Und dazu das lesbische Pärchen Jinny und Martha, die Drillinge erwarten. Was Jinny freut, die deutlich ältere Martha jedoch auf andere Weise beschäftigt. Als dann noch der völlig zugekokste Tom dazustößt, gerät das Fest vollends zur Farce.

Contenance und Sitten

Es sind die sensiblen Themen, die Sally Potter hier anfasst. Es geht um Political Correctness, um die ewige Contenance. Um das verunglückte Comeback alter Sitten. Um Feminismus. „The Party“ ist vor allem ein Film über Frauen, allesamt durchaus erfolgreich und ihre Männer, die damit womöglich nicht umzugehen wussten. Dann geht sie dahin, die Moral, was bei Sally Potter ebenso tragische wie komische Züge hat. Die britische Regisseurin zeigt ihre Figuren in extremen Situationen, beobachtet sie beim Scheitern und Verzweifeln. Und doch schwingt nie Missachtung mit, was sich auf das Publikum überträgt. Irgendwie mag man sie dann doch alle. Eines ist auf jeden Fall klar: Diese „Party“ lohnt sich – hingehen! tsch