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„Das macht echt keinen Spaß mehr“

Menschen: Thomas Mistele über die gestiegenen Sorgen und Nöte eines Schiedsrichter-Einteilers

Die Szene davor gehört selbstverständlich ebenso dazu wie das Spiel an sich: Etwa eine Stunde vor dem Anpfiff hält ein „fremdes“ Auto am Sportplatz, je nach Spielklasse steigen ein Schiedsrichter oder drei Unparteiische aus, begutachten den Platz, die Tore und Netze, nehmen den Spielberichtsbogen entgegen – und los geht’s!

Kaum ein Amateurfußballer hat sich aber bisher Gedanken darüber gemacht, welche Arbeit dahinter steckt, bis so ein „Unparteiischen-Pkw“ überhaupt vorfahren kann. Das ist der „Job“ von Thomas Mistele. Er ist der Schiedsrichter-Einteiler des Fußballkreises Buchen. Wer jetzt allerdings an so eine smarte Ehrenamts-Aufgabe denkt, der irrt. Nein, er irrt sogar gewaltig. „Ich bin jeden Tag damit beschäftigt, die Spiele fürs kommende Wochenende mit Schiedsrichtern zu besetzen“, erzählt der 51-Jährige während seines Besuchs bei den Fränkischen Nachrichten.

Während der laufenden Saison benötigt Mistele alleine nur am Samstagen etwa 30 bis 38 Schiedsrichter, sonntags zwischen 47 und 53 im Junioren- und Erwachsenenbereich (auf Kreisebene und in den diversen Landesligen).

Im Kreis Buchen stehen ihm im Moment allerdings nur 21 bis 25 aktive Schiedsrichter pro Tag zur Verfügung. „In der vergangenen Saison haben zwar 66 Schiris gepfiffen, aber manche davon nur ein Spiel“, klagt der gelernte Groß- und Außenhandelskaufmann.

Poker um einen Ausfall

Man muss jetzt kein ausgesprochen guter Mathematiker sein, um festzustellen, dass die Anzahl der Schiedsrichter nie und nimmer ausreicht. Klar, einige besonders emsige Kameraden pfeifen zwei oder sogar drei Spiele an einem Wochenende – aber trotzdem ändert das nichts an der Tatsache, dass es ganz einfach zu wenige Schiedsrichter gibt.

Permanent steht er nicht nur in Kontakt mit „seinen Pfeifemännern“, sondern auch mit den Einteiler-Kollegen aus den Kreisen und Bezirken Tauberbischofsheim, Künzelsau, Kocher-Jagst, Heilbronn, Sinsheim, Heidelberg und Mosbach. Hier erhält er meist große Unterstützung. Es werden Spiele hin- und hergetauscht. Das geschieht alles online. „Manchmal pokere ich eigentlich nur noch, dass ein Spiel ausfällt“, sagt Mistele in leisem Ton. Aus eben jenem regen Kontakt mit den anderen „SR“-Einteilern weiß er aber auch, dass es nicht nur ihm so geht: „Dieser enorme Druck geht bei vielen Einteilern schon an die gesundheitlichen Grenzen. Viele spielen mit dem Gedanken, ihren Job als Einteiler hinzuwerfen. Das macht echt keinen Spaß mehr.“

Gewisse „innere“ und „äußere“ Faktoren erschweren die Schiedsrichter-Einteilung zudem. Im „Inneren“: Am Unparteiischen ist der gesellschaftliche Wandel freilich auch nicht vorüber gegangen. Wo Trainer über die laxe Einstellung ihrer Spieler lamentieren, sind junge Schiedsrichter mit „fehlender Motivation“, so nennt es Thomas Mistele, nicht fern. In der vergangenen Saison haben von ihm eingeteilte Schiedsrichter sage und schreibe 600 Spiele zurückgegeben. „Der Rekord liegt bei 17 Minuten vor Spielbeginn“, erzählt Mistele. Der Großteil der Kommunikation läuft mittlerweile nonverbal – über WhatsApp und E-Mail. „Ich bin fast nur noch am Handy. Ich habe schon während eines Staus im Auto via Handy Spiele umbesetzen müssen.“ Und wird, mit den vornehmlich älteren Kameraden, noch gesprochen, dann bis spät in die Nacht: „Das Telefon geht manchmal bis 2 Uhr. Es ist die Hölle.“

Aber auch äußere Faktoren erschweren die Arbeit: Häufig kommt es vor, dass Mistele ein Spiel mit einem Schiedsrichter besetzen könnte, dieser aber jenseits der vom Verband vorgegebenen Kilometer-Begrenzung (siehe rechts oben) wohnt. Erschwert wird die Arbeit des Einteilers auch durch die vielen kurzfristigen Verlegungen der Vereine – vor allem in den Wochen der Vorbereitungsspiele. „Eine Sommerpause haben wir ja gar nicht. Einige sind am Limit ihrer Kräfte angelangt.“ Doch auch während der Saison können Teams nun ganz simpel über das „dfb-Net“ ein Spiel kurzfristig verlegen. „Selbstverständlich“ ist für die Fußballer, dass da dann trotzdem ein Schiedsrichter zugegen ist.

Dass es zu diesem krassen Mangel an Schiedsrichtern gekommen ist, verwundert Thomas Mistele nicht. Für ihn ist der oft unwürdige Umgang mit den Unparteiischen der Hauptgrund. „Manchmal muss man sich die Frage stellen: Sind Schiedsrichter keine Menschen?“ Er, der eigentlich nie Schiri werden wollte, habe sich schon Dinge anhören müssen, die hier nicht gedruckt werden dürfen. Wie in Badens Handball bereits praktiziert, fordert der 51-Jährige auch im Fußball „Punktabzug für Vereine mit Schiri-Mangel. Erst dann werden manche aufwachen“.

Die Fußballer werden sich darauf einstellen müssen, dass nicht mehr alle Begegnungen mit einem Schiedsrichter besetzt werden können. Im Kreis Buchen war dies schon in der vergangenen Saison der Fall. „Wir achten dann aber darauf, dass wir Spiele von Vereinen unbesetzt lassen, die keine Schiedsrichter stellen“, so Mistele. Dann liegt es zunächst an den beiden Vereinen „eine geeignete Person“ für die Spielleitung zu finden – so besagt es die Regel.

Dass ein „fremdes“ Unparteiischen-Auto vor jedem Amateurspiel auf den Sportplatz-Parkplatz fährt, ist künftig nicht mehr selbstverständlich.