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Die Gefahr der Gemütlichkeit

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Wie konnte es nur so weit kommen? Diese Frage stellt sich seit dem WM-Aus jeder Fan. Der Deutsche Fußball-Bund hingegen nicht. Der Verband schafft erst einmal Fakten – und geht danach in die Analyse, an deren Ende vielleicht die Erkenntnis steht, dass ein Trainerwechsel das Richtige wäre. Doch dafür ist es zu spät: Joachim Löw bleibt im Amt. Um eines gleich klarzustellen: Die Verdienste des 58-Jährigen um den deutschen Fußball sind unbestritten. Man wird mit ihm immer den WM-Triumph von Rio verbinden, aber die Schmach von Russland und sein großer Anteil daran lassen sich eben nicht wegdiskutieren.

Vorgelebte Sorglosigkeit

Der Südbadener geht den Neuaufbau deshalb mit einem gewaltigen Ballast an. Denn nun soll Löw einen Umbruch vollziehen, den er zuvor verpasst hat. Oder anders ausgedrückt: Es geht einfach weiter so. Das klingt jetzt nicht nach den „tiefgehenden Maßnahmen“, die zuletzt angekündigt wurden.

Offenbar hat der DFB mit seiner kaum noch zu ertragenden Weltmeister-2014-Attitüde und seinem 118 (!) Mitarbeiter umfassenden Betreuerstab für die Nationalmannschaft immer noch nicht erkannt, was da gerade passiert ist. In Russland hat der Titelverteidiger kein Testspiel verloren, er ist auch nicht unglücklich im Viertelfinale gescheitert. Nein, die deutsche Mannschaft schied in der Vorrunde aus – und zwar gegen mittelmäßige Gegner, weil sie schlecht vorbereitet war, sich selbst überschätzte und es sich einfach ein bisschen zu gemütlich gemacht hatte.

Das gilt vor allem auch für Löw, der sämtliche Alarmsignale vor dem Turnier in einem Anflug von Lässig- und Sorglosigkeit ignorierte. So ganz nach dem Motto: Wir sind Weltmeister. Wir sind eine Turniermannschaft. Das wird schon. Wurde es aber nicht. Die DFB-Elf präsentierte sich ganz anders als es die teuer produzierten Hochglanz-Filmchen der Werbestrategen gerne erzählen. Das Schlimmste: Es stand keine Einheit auf dem Feld und der Absturz – wenn auch nicht in dieser krassen Form – war vorhersehbar.

Schwer angeschlagen

Ihr letztes gutes Spiel machte die DFB-Elf im Herbst 2017. Daraus zog Löw aber keine Konsequenzen, dabei war die Nibelungentreue zu einigen Weltmeistern wie Thomas Müller mindestens grenzwertig. Mit der Nominierung des ein Jahr lang verletzten Manuel Neuer setzte der Bundestrainer zudem das Leistungsprinzip außer Kraft. Und nicht zuletzt erfuhr Mesut Özil eine Sonderbehandlung, weil er nach der Erdogan-Affäre keinen Medientermin wahrnehmen musste. Wer so viele Fehler bei der Personalauswahl und der Teamführung begeht, verliert an Glaubwürdigkeit und Autorität. Auch innerhalb einer Mannschaft, die noch dazu in taktischer Hinsicht keine Hilfe von ihrem Trainer erhielt.

Nach einer erfolgreichen Ära geht Löw deshalb nun schwer angeschlagen und umstritten in das neue Länderspieljahr. Er muss den Mut für Veränderungen aufbringen und sich von verdienten Spielern trennen. Nur war genau das bislang nicht unbedingt seine Stärke.

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