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Land & Leute Fußball hat in Russland keine lange Tradition, die Weltmeisterschaft scheint den meisten egal

„Eishockey ist der Sport hier“

Moskau.„Natalia ist in der Stadt? Natalia Oreiro?“ Viktor ist begeistert, Angelina ebenfalls. Eigentlich waren die beiden Studenten gerade unterwegs in ein Café, in Moskau ist es kühl geworden. Doch dann dieser Name! Sie stehen vor dem Konzertsaal im Moskauer Zentrum, der sich für die Fußball-Weltmeisterschaft in ein riesiges, nobles Pressezentrum verwandelt hat. Hier gibt die uruguayische Schauspielerin und Sängerin gerade eine Pressekonferenz, stellt ihr WM-Lied „United by Love“ vor. Kaum hat der Polizist vor dem Eingang zum Gebäude Viktor und Angelina erklärt, wer in der Stadt sei, rufen sie aufgeregt: „Oreiro, Oreiro“.

Es klingt russisch, klingt nach „Arera“. Seit die südamerikanischen Telenovelas in den 1990er Jahren hier zum Hit wurden, ist auch die mittlerweile 41-jährige Natalia Oreiro – eine begeisterte Fußballerin und noch begeistertere Fußball-Anhängerin – mehr als ein Hit in Russland. Bekannter als so mancher Weltfußballer. „Messi? Macht er etwas mit Sport?“, fragt der 23-jährige Viktor – und sagt damit vieles, wie es um die Begeisterung für Fußball im Land steht.

Russland hat keine Fußball-Tradition, mag Präsident Wladimir Putin noch so oft darauf verweisen, dass sechs Millionen Menschen im Land Fußball spielen. Die meisten Russen stehen dem „Mundial“ – sie benutzen das spanische Wort für die Weltmeisterschaft – gleichgültig gegenüber. Mittlerweile wehen bunte Fahnen auf den Brücken der Städte, die die Gäste willkommen heißen, Fan-Artikel liegen in den Läden aus, Aufschriften an Bussen und Bahnen verweisen auf das Großereignis. In den Fußgänger-Zonen stehen riesige Blumenkübel in Form von Fußbällen, vor manchen Einkaufszentren Herzen mit der russischen Trikolore. Die Moskauer Metro sucht immer noch Ticket-Verkäufer, die Englisch können, in manchen Museen bringen die Mitarbeiter Tafeln in englischer Sprache zu den Ausstellungen an.

Ein bisschen internationaler

„Die WM macht uns ein bisschen internationaler“, sagt Fatima, die als Ehrenamtliche im Einsatz ist. Von Fußball, so sagt sie lachend, habe sie „absolut keine Ahnung“.

Im Jahr 1897 rollte in Russland der erste Fußball übers Feld, in Sankt Petersburg war das, noch unter Zar Nikolai II. Der „Zirkel der Sportliebhaber“ spielte in der Newa-Stadt gegen die „Fußballer der Wassili-Insel“ und verlor 6:0. Eine Ausstellung auf dem riesigem WDNCh-Gelände im Nordosten Moskaus, dem ehemals sowjetischen Leistungsschau-Territorium, das seit Jahren saniert und teils umgestaltet wird, will den Menschen mehr Lust auf Fußball machen. In drei weißen Sälen im sogenannten Karelien-Haus erzählt sie über den „Geburtstag des einheimischen Fußballs“ – es waren Ausländer, die in den ersten Vereinen in Petersburg gegeneinander spielten –, zeigt mit Filmen und Fotos die Erfolge der ersten russischen, später sowjetischen Mannschaften, informiert über die Gründung der Teams von Spartak, ZSKA oder Zenit.

Die Besucher aber bleiben aus. Im Saal tummeln sich nur Dutzende von Mitarbeitern und spielen aus Langeweile Fußball an den aufgestellten Tischkickern. „Fußball ist einfach nicht unseres, Eishockey ist der Sport hier“, sagt Swetlana Wassiljewa, die mit ihren Enkelinnen auf dem WDNCh-Gelände spaziert. „Aber schön, dass viel gebaut wird, die Stadt bekommt ein aufgeräumteres Gesicht.“ Sie werde mit den beiden Mädchen zur WM-Zeit auf die Datscha fahren – und auch das ein oder andere Spiel anschauen. „Weil das ja gerade aktuell ist.“