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„Elf Pfeifen machen noch keine gute Orgel“

Menschen: Siegfried Schultheiß, Ehrenvorsitzender des Fußballkreises Tauberbischofsheim, blickt auf die WM zurück

Wenn man sich mit Siegfried Schultheiß über die zurückliegende Fußball-WM in Russland unterhalten möchte, dann darf natürlich ein Rückblick auf andere Titelkämpfe nicht fehlen. So kennt man ihn – und deshalb schätzt man ihn.

Seine ersten Erinnerungen an Fußball-Weltmeisterschaften reichen zurück zum „Wunder von Bern“ 1954. Er gehörte als damals Elfjähriger allerdings noch nicht zu denen, die dicht gedrängt in irgendwelchen rauchgeschwängerten Kneipen saßen und bewegte Schwarz-Weiß-Bilder von der größten Fußball-Sensation aller Zeiten sahen, sondern er war am Radio dabei. „Aber erst ab der zweiten Hälfte. In der ersten waren wir noch Heidelbeeren pflücken“, so der heute 75-Jährige.

Bei den Titelkämpfen von 1958 in Schweden war er dann auch am Fernseher dabei. „Wir sind damals von meiner Heimatgemeinde Rauenberg extra nach Grünenwört in den ,Grünen Baum’ gelaufen. Dort liefen die Übertragungen.“

Kommt man im Gespräch mit Schultheiß dann nach einigen Minuten auf die WM in Russland, dann schießt aus ihm der Frust über das Abschneiden und vor allem die Leistung der Löw’schen Nationalkicker förmlich heraus: „In den deutschen Kader hatte sich eine Gleichgültigkeit gepaart mit Arroganz und Überheblichkeit eingeschlichen.“ Er selbst könne überhaupt nicht verstehen, warum man aus der Vergangenheit keine Lehren gezogen hat. „Frankreich, Brasilien, Italien und Spanien waren doch alle schon als amtierende Weltmeister beim Versuch der Titelverteidigung mehr oder weniger jämmerlich gescheitert. Das hätte doch allen zu denken geben müssen. Aber offensichtlich hat jeder gemeint, dass man richtig arrogant auftreten könne, nur weil man 2014 Weltmeister geworden war.“

In seine Kritik schließt Schultheiß auch ausdrücklich Nationalcoach Joachim Löw und den gesamten Trainerstab mit ein. „Für mich ist es ein Fehler, mehr als 23 Spieler mit ins Trainingslager nach Südtirol zu nehmen. Wenn dort erst noch vier aussortiert werden müssen, dann ist das keine ideale Grundlage für eine gute Stimmung innerhalb des Teams. Schon bei den Vorbereitungsspielen gegen Österreich und Saudi-Arabien hat man doch gemerkt, dass es intern nicht stimmt. Und das lag nicht nur an der Sache mit den Erdogan-Fotos.“

Auch in den drei Gruppenspielen seien vom gesamten Trainerstab elementare Fehler gemacht worden, vor allem im taktischen Bereich. „Man hätte doch merken müssen, dass aus diesen elf Pfeifen keine wohlklingende Orgel wird. Dann muss man doch für Veränderungen sorgen. Aber nichts geschah. Es wurde einfach der gleiche Stiefel weitergekickt.“ Schultheiß glaubt in diesem Zusammenhang, dass Löw von seinem gesamten Stab einfach schlecht beraten war. „Vielleicht hat hier wirklich so ein Typ wie Hansi Flick gefehlt.“ Den kennt er übrigens sehr gut, denn den hat er vor vielen Jahren als Jugendlicher in der BFV-Auswahl betreut. „Auch Rainer Zietsch war damals dabei.“ Heute ist der bei den Würzburger Kickers als Leiter des Nachwuchs-Leistungszentrums beschäftigt. „Eine gute Wahl der Kickers“, findet Schultheiß.

Nach dem insgesamt peinlichen WM-Auftritt der „Mannschaft“ hätte Schultheiß übrigens nicht mit Löw als Trainer weitergemacht. „Ich hätte definitiv einen Schnitt gemacht.“ Sorgen um den Nachwuchs müsse man sich beim DFB aktuell noch nicht machen. „Beim Confed-Cup 2017 hat doch die zweite Garde schon bewiesen, was sie kann.“

Insgesamt habe ihm die WM in Russland eigentlich ganz gut gefallen. „Es war wieder einmal spannend, weil die so genannten ’Kleinen’ hervorragend mitgehalten haben“. Insgesamt sei aufgefallen, dass die Kraft und Dynamik eines schnellen Spielers heutzutage einfach unerlässlich seien. „Solche Typen wie den Mbappé brauchst du im heutigen Fußball.“

Nach der WM gilt das ganze Interesse von Schultheiß wieder dem Amateurfußball. „Der ist viel besser als er von einigen gemacht wird. Das Tempo ist auch hier viel höher als früher. Ich habe größten Respekt vor allen, die in der heutigen Zeit im Amateurfußball aktiv sind. Hoffentlich halten wieder alle Mannschaften durch – besonders die in den C-Klassen.“