Aktuell

„Es hat jegliche Leidenschaft gefehlt“

Archivartikel

Umfrage: Das sagen Trainer der Region zum Niveau der Weltmeisterschaft und zum Abschneiden der deutschen Mannschaft

Michael Schiele (Würzburger Kickers): „Reagierende Mannschaften sind weiter gekommen als Mannschaften, die auf Ballbesitz gesetzt haben. In diesem Bereich wird weiter ein Wandel stattfinden. Die Deutschen wollten gar nicht umschalten. Die haben immer gewartet, bis die anderen mit zehn Mann hinter dem Ball waren. Sie hatten ein Weiterkommen nicht verdient.“

Mario Fleischer (TSV Tauberbischofsheim): „Es war erschreckend, dass die Mannschaften, die auf Ballbesitzfußball gesetzt haben, abgestraft wurden. Auch die Franzosen haben oft nach einer Führung hinten abgeriegelt. Die Deutschen haben die Warnzeichen in der Vorbereitung nicht erkannt. Es hätte viel mehr Zug reinmüssen.“

Michael Hackenberg (Eintracht Walldürn): „Es war auffällig, dass der Ballbesitz-Fußball nicht mehr erfolgsversprechend ist. Viele Teams sind lieber nicht im Ballbesitz und lassen den Gegner spielen, um dann bei einem eventuellen Fehler blitzschnell zur Stelle zu sein und selbst zuzuschlagen. Es ist heutzutage offensichtlich so, dass man sich in der Defensive für eine Fünfer-Kette nicht mehr schämen muss. Allgemein ist klar ersichtlich, dass die Standards einen immer höheren Stellenwert einnehmen. Es hat in der Mannschaft überhaupt nicht gepasst. Die Unruhe innerhalb des Teams und auch im Umfeld waren einfach zu groß. Wenn du als Trainer urplötzlich keine Einheit mehr hast, dann kannst du auch auch nicht mehr das Optimale aus einer Mannschaft herausholen. Außerdem hat man deutlich gesehen, dass sich viele Spieler einfach nicht weh tun wollten. Andere Teams sind da ganz anders aufgetreten. Denen hat man angemerkt, dass sie den Erfolg einfach viel mehr wollten. Für die Zukunft braucht die deutsche Nationalmannschaft aber keine grundlegende Änderung der Spiel-Philosophie. Bundestrainer Joachim Löw weiß schon, um was es jetzt geht.“

Peter Hogen (FV Mosbach): „Das Unterhaltungsniveau war nicht überragend. Ich habe nur zwei, drei wirklich offene Spiele gesehen. Die Deutschen waren die große Enttäuschung. Man hat nicht einmal trauern können, weil es unverdient gewesen wäre, wenn sie weiter gekommen wären. Es hat jegliche Leidenschaft gefehlt; Leidenschaft, die man bei Fußballern schon in der Kreisliga einfordert.“

Andreas Walz (VfR Uissigheim): „Ich habe relativ viele Spiele geschaut, war aber bei den wenigsten voll dabei. Es war nämlich nicht der Fußball, so wie ich ihn mir vorstelle. Es ging viel zu viel darum, Standards herauszuholen. Festzustellen bleibt, dass mittlerweile auch die Kleinen gelernt haben zu verteidigen. Einzig den Kroaten habe ich gerne zugeschaut. Ich habe schon vor der WM gefragt: Wann haben die Deutschen eigentlich ihr letztes gutes Spiel gemacht? Dieser Auftritt in Russland war viel zu behäbig und überheblich. Insgesamt muss man sagen: Es geht doch schon lange nicht mehr um Fußball, sondern nur noch ums Geld. Und das ist jammerschade, vor allem weil die Kluft zwischen Profis und Amateuren immer größer wird.“ mf/ptt