Aktuell

Fehler und Fieberkurven

Manchmal stellt der Sport den in der Funktionärswelt erdachten Unsinn wie ein Blitzlicht in den Fokus. An dem Wochenende, als vier europäische Teams ins Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft einzogen, signalisierte der 2022-Ausrichter Katar seine Bereitschaft, schon beim nächsten Weltturnier die viel kritisierte Aufblähung auf 48 Teams realisieren zu können. Von der Erweiterung des Teilnehmerfelds profitieren aber nicht die diese WM dominierenden Europäer – sie werden mit drei der 16 zusätzlichen Plätze abgespeist –, sondern vor allem Afrika und Asien. Eine ausschließlich sportpolitisch motivierte Fehlentscheidung der Fifa, die an den aktuellen Kräfteverhältnissen im Fußball völlig vorbeigeht und das maue Niveau in den ersten WM-Wochen weiter senken wird.

Die Fieberkurve des Turniers in Russland ist indes spätestens seit den Viertelfinal-Duellen rasant gestiegen. Den belgischen Konterartisten ist nach dem Coup gegen die schon wieder zu hoch gehandelten Brasilianer so ziemlich alles zuzutrauen – inklusive des sensationellen Titelgewinns. De Bruyne & Co. haben in diesem Sommer das Zeug dazu, im mutmaßlich spektakulären Halbfinale am Dienstag gegen Frankreich den letzten verbliebenen Top-Favoriten im Feld aus dem Weg zu räumen.

Und in der anderen Turnierhälfte feiert eine jahrelang vor sich hin darbende große Fußball-Nation ihre triumphale Wiederauferstehung: Trainer Gareth Southgate hat dem englischen Nationalteam eine neue Identität verliehen: jung, sympathisch, multikulturell und erfolgreich. Die historische Chance, zum ersten Mal seit 1966 (!) in ein WM-Endspiel einzuziehen, elektrisiert die Fans auf der Insel – zumal Englands Halbfinal-Gegner Kroatien um den großartigen Luka Modric nach starker Vorrunde zuletzt ernsthafte Ermüdungserscheinungen zeigte.