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Kultur 1800 Jahre altes Welterbe-Dokument erinnert in Gießener Universitätsbibliothek an Bürgerrechte in der Römerzeit

Fragiles Fragment mit Geschichte

Gießen.Der kaiserliche Papyrus ist so zart und zerbrechlich, dass er hinter Glas muss. Derart geschützt wird das rund 1800 Jahre alte Dokument gestern in Gießen präsentiert. Es ist ein vergilbtes, fleckiges Fragment – aber ein Schriftstück von Weltrang. Deshalb hat die Unesco die „Constitutio Antoniniana“ Ende Oktober ins Weltdokumentenerbe aufgenommen.

Der Papyrus, eingefasst zwischen zwei Glasscheiben, sei so fragil, dass er nur sehr selten zur Schau gestellt werde, sagt Peter Reuter, Leiter der Gießener Universitätsbibliothek. Gewöhnlich wird das einzigartige Dokument dort in einem Sondermagazin verwahrt. „Das ist wie ein klimatisierter, begehbarer Safe“, erläutert Reuter. Das Schriftstück stammt aus der Zeit um 212/213 nach Christus. Kaiser Marcus Aurelius Severus Antoninus (211-217), auch Caracalla genannt, verlieh damit allen freien Bewohnern des Römischen Reichs das Bürgerrecht. Es handelt sich nach Angaben der Gießener Uni um die griechische Übersetzung des ursprünglich lateinischen Textes. Es sei das einzige noch im originalen Wortlaut existierende Exemplar der kaiserlichen Verordnung.

Experten können Schrift entziffern

Dass es sich um eine Schrift auf dem Papyrus handelt, kann auch der Laie erkennen. Feine, schwarze Buchstaben ziehen sich über das Dokument. Entziffern aber können sie nur Experten. Reuter zufolge sind auf dem fast 50 Zentimeter breiten und knapp 40 Zentimeter hohen Fragment gleich drei Erlasse verewigt - eine davon ist die „Constitutio Antoniniana“.

Mit ihr wurde nach Angaben der Universität erstmals auf einem Gebiet, das sich über Europa, Asien und Afrika erstreckte und in dem Millionen Menschen unterschiedlicher Kulturen lebten, ein einheitlicher Bürgerstatus geschaffen. „Sie bekamen auf einen Schlag die römischen Bürgerrechte“, erklärt der Gießener Professor für klassische Philologie, Peter von Möllendorff. Das betraf alle freien Menschen, Angehörige der Oberschicht genauso wie jene aus den mittleren und unteren Schichten. Das habe zur Integration und sozialen Mobilität beigetragen, erklärt der Wissenschaftler. Gleichzeitig behielten die Menschen ihre lokalen Rechte – „wie wenn sie eine EU-Staatsbürgerschaft hinzugewonnen hätten“. Die Verordnung habe nicht nur eine historische Bedeutung, sondern eine für die Gegenwart. Denn sie zeige, dass ähnliche Fragen und Probleme von heute – etwa denen zur Integration – bereits vor 2000 Jahren bestanden hätten und beantwortet worden seien.

Das Dokument ist nach Angaben der Universität das bedeutendste Stück der Gießener Papyrussammlung. Diese umfasst unter anderem mehr als 2300 Papyri. Zwischen 1999 und 2003 wurden alle Exemplare digitalisiert und sind heute in einer Online-Datenbank verfügbar.

Zusammengetragen wurden die Papyri in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die „Constitutio Antoniniana“ sei um 1900 in Ägypten von einem Gießener Wissenschaftler für die im Aufbau befindliche Sammlung angekauft worden.

Das Dokument konnte dank der Auslagerung in einem Banktresor den Zweiten Weltkrieg überstehen – ein Wasserschaden im Jahr 1945 setzte dem Stück schließlich aber schwer zu. Zwar wurde der Papyrus getrocknet und gesäubert, doch sind Schimmelflecken noch immer zu erkennen. Im Jahr 2009 wurde die „Constitutio Antoniniana“ restauriert. Dennoch: Sie bleibt ein fragiler Schatz. „Man muss sehr vorsichtig sein, wenn man den Papyrus bewegt“, betont Bibliotheksdirektor Reuter. Also bleibt das Dokument meist im Sondermagazin der Gießener Uni-Bibliothek.

In einigen Monaten darf die „Constitutio“ wohl noch einmal an die Öffentlichkeit: Es sei geplant, das Dokument anlässlich eines Festaktes zur Aufnahme ins Unesco-Weltdokumentenerbe für einige Tage auszustellen, sagt Reuter.