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Brasilien Superstar Neymar führt die Südamerikaner nicht zum Titel und steht in der Heimat in der Kritik / Wirbel um Sonderrechte

Nur die Theatralik bleibt

Kasan.Es war diesmal kein 1:7. Doch es tat offenbar genau so weh. „Der Schmerz ist der gleiche wie damals“, sagte Brasiliens Abwehrspieler Marcelo nach dem 1:2 (0:2) im WM-Viertelfinale gegen Belgien mit Blick auf das Debakel gegen Deutschland 2014. „Das ist eine grauenvolle Nacht. Ich kann das nicht in Worte fassen.“ Dem von aller Welt verspotteten Superstar Neymar verdarb das Aus sogar erst einmal die Lust aufs Spiel. Bei Instagram erklärte er am Tag nach dem erneut vorzeitigen WM-Aus, es sei „gerade schwer, die Kraft zu finden, um wieder Fußball spielen zu wollen“.

Direkt nach dem Spiel waren die Brasilianer von ihren rund 20 000 Fans noch überwiegend mit Applaus aus dem Turnier verabschiedet worden. Mit jeder Stunde Abstand wächst aber die Erkenntnis: Aus ist Aus. Und die Aufarbeitung hat längst begonnen.

Rassistische Beleidigungen

Nationaltrainer Tite wird trotz des Scheiterns und eines auslaufenden Vertrages wohl bleiben. Laut Medienberichten hat der Verband ihm einen Vierjahresvertrag angeboten. Und Tite soll dazu tendieren, ihn anzunehmen. Die Mannschaft steht offenbar geschlossen hinter ihm.

Derweil wurde der dunkelhäutige Fernandinho, der die Niederlage mit dem Eigentor zum 0:1 unglücklich eingeleitet hatte, in den sozialen Medien rassistisch beleidigt. Und die Tageszeitung „O Estado de S. Paulo“ berichtete über Sonderrechte für Neymar, die in Russland in keinem Verhältnis zu seinem Nutzen für die Mannschaft standen.

Während die Familien der anderen Spieler in einem benachbarten Hotel wohnten, sollen Neymars Mutter, Schwester und deren Sohn sowie bis zum Achtelfinale sogar noch Neymars Friseur im Teamquartier logiert haben. Angeblich, um den Journalisten aus dem Weg zu gehen.

Doch statt dass der teuerste Spieler der Welt Brasilien zum sechsten Titel schoss, bleibt von Neymar bei diesem Turnier vor allem seine ständige Theatralik in Erinnerung. Neymar, der Schauspieler. Der Dauer-Lamentierer mit der albernen Spaghetti-Frisur. Für die spanische „Mundo Deportivo“ war er „Neymal“ – „mal“ heißt schlecht.

Teammanager Edu Gaspar warb derweil um Verständnis für den 222-Millionen-Mann. „Wenn er lacht, wird er kritisiert und gelobt“, sagte Gaspar: „Wenn er weint, wird er kritisiert und gelobt. Gibt er keine Interviews, wird er kritisiert und gelobt. Es ist nicht leicht, Neymar zu sein. In manchen Momenten ist es schwierig, in seiner Haut zu stecken.“

Wie 2014 hemmte auch eine Verletzung den 26-Jährigen. Damals hatte sich Neymar bei der WM in eigenen Land einen Lendenwirbelbruch zugezogen und das Debakel gegen Deutschland hilflos als Zuschauer verfolgen müssen. Diesmal hatte er die kompletten drei Monate vor dem Turnier pausieren müssen. Insofern sind zwei Tore und zwei Vorlagen in fünf Spielen eine ordentliche Bilanz.

Mehr als 14 Minuten liegt er

Doch auch gegen Belgien hatte Neymar in zwei Fällen auf absolut peinliche Art und Weise versucht, einen Elfmeter zu schinden. Zu den 14 Minuten, die er schon in den ersten vier Spielen laut Berechnungen des Schweizer Nachrichtenportals RTS auf dem Boden liegend verbracht hatte, kam noch mal ein bisschen was dazu.

In den sozialen Medien wird er seit Tagen verspottet. In zahlreichen Videos wurde sein theatralisches Rollen aus dem Spiel in Mexiko eingebaut. Im neusten rollt er auf dem Gepäckband nach Hause. In der Schweiz übten die Nachwuchskicker des FC Widnau im Training Neymar-Schwalben.

Die Satire-Seite „Der Postillon“ kündigte an, das Spiel gegen Belgien werde wegen Neymars Theater-Einlagen auf Arte gezeigt. Worauf der Kultursender antwortete, extra dafür die Tierdoku „Die schönsten Schwalben Russlands“ aus dem Programm zu nehmen.

Nach Russland war Neymar gekommen, um das „jogo bonito“, das schöne brasilianische Spiel zu zelebrieren. Er ging als Symbolbild für vieles Schlechte im Fußball. Sein neuer Trainer Thomas Tuchel wird bei Paris Saint-Germain viel Aufbauarbeit leisten müssen.

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