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Nur ein paar hübsche Popsongs

Pop: Das 14. U2-Studioalbum „Songs Of Experience“ wirkt zusammengewürfelt und bleibt deutlich unter ihren Möglichkeiten

Bösartige Zungen könnten behaupten, das Beste am 14. U2-Album ist, dass damit nicht wieder 500 Millionen Apple-Nutzer zwangsbeglückt werden. Durch die kostenlose, aber unaufgeforderte Online-Verteilung von „Songs Of Innocence“ hatten Bono und Co. 2014 ein PR-Desaster erlebt, weil sich massiver Widerstand regte. Zumal das Werk absolut nicht überzeugen konnte. Die gute Nachricht: Der Nachfolger „Songs Of Experience“ (Lieder der Erfahrung) ist besser als die „Lieder der Unschuld“. Aber leider nur etwas.

Trotz des klaren, schon vor über drei Jahren ausgeheckten Konzepts, ein Schwesteralbum zum Vorgänger zu produzieren, mit Texten wie offene Briefe an Bonos Lieblingsorte, krankt die Platte an kruder Heterogenität. Da U2 die Wahl Donald Trumps und den Brexit natürlich musikalisch nicht unkommentiert lassen wollten, wurde die ursprüngliche Idee verwässert.

Den Eindruck, es mit zusammengewürfelten Songs zu tun zu haben, resultiert vor allem aus der sonst eher bei R&B-Sternchen üblichen Produzentenflut (Jacknife Lee, Ryan Tedder, Steve Lillywhite, Andy Barlow, Jolyon Thomas, Brent Kutzle, Paul Epworth, Danger Mouse, Declan Gaffney). Die scheinen sich nur in einem einig gewesen zu sein: Bonos Stimme mit allerlei Effekten zu verhunzen. Auch die starke Rhythmussektion Clayton/Mullen Jr. kommt selten voll zur Geltung. The Edge verliert sich auf der Suche nach Gitarrenwohlklang in Selbstzitaten.

Letztlich fehlt den „Songs Of Experience“ die Durchschlagskraft, die eine Stadionband braucht. Man hat den Eindruck, die neuerdings so DJ-Sound-affinen Coldplay sind von U2-Schülern zu Vorbildern mutiert. Aber im Gegensatz zum Vorgänger gibt es immerhin ein paar hübsche Popsongs wie „You’re The Best Thing About Me“, „Get Out Of Your Own Way“, „American Soul“ oder „Summer Of Love“. Nur: Bonos Liebesbeschwörungen leiden darunter, dass er in den „Paradise Papers“ als Briefkastenfirmenmogul dargestellt wird. Zusammen mit ein paar klaren politischen Ansagen wie in „The Blackout“ ergibt sich ein ordentliches Album, deutlich unter normalem U2-Standard. (Island) jpk