Aktuell

England Team um Stürmerstar Harry Kane will nach 22 Jahren wieder ein K.o.-Duell gewinnen / Gemischte Gefühle bei Fans und Experten

Psychotest gegen die Elfmeter-Angst

Archivartikel

Repino.Seit zwölf Jahren kein K.o.-Spiel gewonnen, seit 22 Jahren alle fünf Elfmeterschießen verloren, aber vor dem heutigen Achtelfinale gegen Kolumbien (20 Uhr MESZ/ARD) gefühlt schon im Endspiel: Die Euphorie um Englands Fußball-Nationalmannschaft ist Dauer-Twitterer und Überall-Experte Gary Lineker suspekt. „Es wirkt so, als hätten wir die wichtigste Stammtischparole des Fußballs vergessen: Immer ein Spiel nach dem anderen angehen“, schrieb der ehemalige Stürmer genervt: „In diesem Spiel geht es darum, nach zwölf Jahren mal wieder ein K.o.-Spiel bei einem großen Turnier zu gewinnen. Damit ist doch alles gesagt.“

Doch nach der guten Vorrunde und mit der Verlockung der wahrscheinlich leichten Turnierhälfte träumen die leidgeplagten britischen Fußball-Fans schon vor dem Achtelfinale im Moskauer Spartak-Stadion vom Coup. Angesichts eines möglichen Viertelfinals gegen die Schweiz oder Schweden und einem Halbfinale gegen Russland oder Kroatien sogar vom ersten Endspiel seit dem Titelgewinn 1966.

Ex-Nationalspieler Michael Owen schrieb in einer Kolumne für die „Daily Mail“, England habe vielleicht „eine riesige Chance, das Turnier zu gewinnen.“ Und Harry Kane strotzt nur so vor Tatendrang. „Jetzt kommt der Moment der Wahrheit“, sagte der fünffache Turniertorschütze: „Mein Selbstvertrauen ist unendlich und ich bin zu allem bereit.“

Der Euphorie im Lager der sonstigen Dauer-Pessimisten traut Trainer Gareth Southgate nicht ganz. Deshalb war er vor „Englands wichtigstem Spiel seit zehn Jahren“ sogar froh über Kritik an seiner Wechsel-Arie vor dem Gruppenfinale gegen Belgien (0:1). „Um ehrlich zu sein: Ich habe mich nicht ganz wohlgefühlt mit der ganzen Beweihräucherung“, sagte er: „Deshalb finde ich es ganz gut, dass es auch ein bisschen Gegenwind gibt.“ Die Niederlage des eigenen B-Teams gegen die Belgier habe die Sinne innerhalb der Truppe geschärft. Zumal alle Spieler, zumindest nach außen, Southgates Entscheidung mit acht Wechseln stützen. Sogar Kane, obwohl dieser unbedingt WM-Torschützenkönig werden will. „Er sagte zu mir: „Natürlich will ich den Golden Schuh gewinnen. Aber das Wichtigste ist die Mannschaft“, berichtete Southgate: „Er hat gezeigt, dass er ein echter Führungsspieler ist.“

Alle wollen schießen

England will seine Traumata überwinden. Gegen die Angst vor dem Elfmeterschießen hat der Coach mit Psychotests, regelmäßigem Training und fest geregelten Abläufen angekämpft. „Elfmeterschießen ist kein Glück. Und es hat nichts mit Zufall zu tun“, sagte ausgerechnet Southgate, der im EM-Halbfinale 1996 gegen Deutschland als einziger verschoss. Seinen Spielern hat er Selbstvertrauen eingeimpft. Alle gaben an, im Fall der Fälle schießen zu wollen.

„Uns ist egal, was in der Vergangenheit war. Wir haben einen anderen Trainer, sind ein anderes Team. Wir schauen nur nach vorne“, relativierte WM-Debütant Dele Alli die schwarzen Serie.