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Duale Hochschule Mannheim

"Wir sind erleichtert, aber noch lange nicht im akademisch siebten Himmel"

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HINTERGRUNDGESPRÄCH: Die Duale Hochschule bleibt ein Erfolgsmodell und profitiert entsprechend vom im Januar auf den Weg gebrachten Hochschulfinanzierungsvertrag der baden-württembergischen Landesregierung. Welche Perspektiven daraus erwachsen und wie d

Die Tinte unter dem Solidarpakt III ist gerade getrocknet. Sind Sie zufrieden mit dem von der Landesregierung zur Hochschulfinanzierung bis 2020 geschnürten Paket?

Prof. Dr. Georg Nagler: Grundsätzlich ja. Die prinzipielle Entscheidung, das Budget jährlich um drei Prozent zu steigern, bringt Baden-Württemberg hinsichtlich des Hochschulausbaus bis 2025 bundesweit an die Spitze. Sieht man sich die Zahlen genauer an und kalkuliert alleine einen einprozentigen Inflationsausgleich pro Jahr ein, dann kommt man zu der Erkenntnis, dass es sich um eine Finanzierung handelt, die realitätsgerecht ist.

Prof. Dr. Andreas Föhrenbach: Ob diese schließlich zu einer signifikanten Steigerung der Mittel führt, muss sich dann zeigen.

Immerhin rechnet die Landesregierung vor, dass die bis 2020 zusätzlich bereit gestellten Mittel unter anderem für die Schaffung von bis zu 3800 neuen Stellen im Hochschulbereich verwendet werden können . . .

Nagler: Auch diese Zahl muss man relativieren. Die Duale Hochschule Baden-Württemberg hält derzeit einen Anteil von rund zehn Prozent aller Studierenden im Land. Also stünden uns nach dieser Rechnung 380 neue Stellen zu. Da bislang für die Duale Hochschule aber keine Stellen in der Forschung und im Master-Bereich vorgesehen sind, verringert sich die Zahl auf ca. 270. 20 Prozent davon entfallen gemäß der Studierendenzahl auf den Standort Mannheim - macht summa summarum 54 Stellen. Und diese sind für die kommenden Jahre bereits zu 200 Prozent verplant.

Föhrenbach: Realistisch sind 50 Stellen, wobei wir alleine 60 Prozent des dafür veranschlagten Budgets benötigen, um bislang befristete Stellen entfristen zu können. Der Rest des Solidarpakt-Programms fließt dann in den Ausbau unseres Campus'.

Nagler: Unterm Strich ist das Programm der Landesregierung für uns eine signifikante Erleichterung, aber im akademisch siebten Himmel sind wir damit noch lange nicht.

Wie sieht denn der akademisch siebte Himmel in Ihrer Vorstellung aus?

Nagler: Wir bräuchten vor allem Mittel für ein vernünftiges, leistungsfähiges Masterprogramm, das nicht gebührenfinanziert ist. Hier sehen wir uns im Vergleich zu anderen Hochschulformen noch stark im Nachteil.

Föhrenbach: Außerdem sind viele unserer Professoren auch in der Forschung tätig - Mittel dafür stehen der Dualen Hochschule bislang aber nicht zu.

Nagler: Grundsätzlich wissen wir sehr gut, wie Sparen funktioniert. Unsere Bachelor-Absolventen erfordern im Hochschulvergleich mit Abstand die geringsten Kosten. Wir wüssten aber auch, wie eine leistungsstarke Hochschule noch besser funktionieren kann. Dafür bräuchte die DHBW allerdings weitere finanzielle Mittel.

Prof. Dr. Rainer Beedgen: Das Ziel muss in den kommenden Jahr vor allem sein, unseren akademischen Mittelbau zu stärken. Das würde auch die schon heute sehr guten Kooperationen mit Universitäten, die das Promotionsrecht besitzen, weiter vorantreiben.

Liebäugelt die Duale Hochschule selbst auf lange Sicht mit dem Promotionsrecht?

Beedgen: Das ist gar nicht erstrebenswert, damit würden wir uns gegenwärtig verrennen.

Nagler: Wir wollen schließlich keine Mini-Universität werden. Wir favorisieren kooperative Promotionsverfahren mit Universitäten, die die Forschungsleistung an der Dualen Hochschule anerkennen.

Föhrenbach: Rund 40 kooperative Promotionsvorhaben werden momentan in unserem Haus bearbeitet, sechs wurden bereits erfolgreich abgeschlossen. Grundsätzlich hat jeder unserer akademischen Mitarbeiter die Verpflichtung, eine Promotion in Angriff zu nehmen.

Beedgen: Was derzeit allerdings noch fehlt, ist eine institutionalisierte Kooperation mit Universitäten. Bislang spielt sich das Zusammenwirken rein auf der individuellen Ebene zwischen einzelnen Professoren ab. Dabei arbeiten unsere Professoren unter anderem mit Kollegen der Universitäten Mannheim, Heidelberg, Karlsruhe, Frankfurt, Essen, Münster, Weimar, Ulm oder im holländischen Nijmegen zusammen. c

Themawechsel: Die DHBW Mannheim platzt nach wie vor aus allen Nähten, Bis wann rechnen Sie mit der Umsetzung der Campus-Erweiterung an der Coblitzallee? Und wäre die im Gespräch gewesene "Hochschulmeile" mit DHBW, Universität und Hochschule entlang des Glücksteinquartiers nicht die attraktivere Lösung gewesen?

Nagler: Die Hochschulmeile wäre in der Tat eine auf die infrastrukturellen Bedürfnisse aller drei Hochschulen zugeschnittene Wunschlösung gewesen. Alleine mit Blick auf Einrichtungen wie Bibliotheken oder Technikzentren hätten sich gute Synergieeffekte eröffnen können. Auch die unmittelbare Nähe zum Hauptbahnhof hätte uns bezüglich unserer berufsbegleitenden Masterstudienangebote gut zu Gesicht gestanden. Aber die Pläne werden derzeit aufgrund finanzieller Vorbehalte nicht umgesetzt und bevor wir uns in ein jahrzehntelanges "totes Rennen" begeben, haben wir uns für den Campus-Ausbau in Neuostheim entschieden. Im ersten Schritt entsteht ein Erweiterungsbau für die Fakultät Technik, das zweite Baufeld wird anschließend sukzessiv erschlossen. Bis etwa 2019/20 streben wir ein großes Zentrum auf einem leistungsfähigen Campus an.

Bislang hat sich die DHBW Mannheim auf die beiden Fakultäten Wirtschaft und Technik konzentriert. Ist diese Ausrichtung in Stein gemeißelt oder ist künftig eine noch vielfältigere Studienauswahl in Mannheim denkbar?

Nagler: Eindeutig ja. Eigentlich könnten wir schon heute mühelos vier Fakultäten einrichten, das Landeshochschulgesetz sieht das momentan aber nicht vor. Wir wünschen uns echte Fachbereichsstrukturen an der Dualen Hochschule.

Beedgen: Eine stärkere Differenzierung würde uns mit unserer Studienvielfalt entgegenkommen. Früher hatten wir in Mannheim den Bereich Sozialwesen, die Nachfrage danach ist gerade in unserer Region mit den zahlreichen Institutionen und Einrichtungen hoch. Derzeit müssen wir Interessenten an die DH-Kollegen in Stuttgart, Villingen-Schwenningen oder Heidenheim verweisen. Teilbereiche - wie das Gesundheitsmanagement oder die Angewandte Gesundheitswissenschaft - haben wir in Mannheim in die Fakultät Wirtschaft integriert, wobei das gerade bezüglich der Angewandten Gesundheitswissenschaft nur noch schwer nachvollziehbar ist.

Ein gutes Stichwort: Wie weit sind die Pläne für den Studiengang Gesundheitswissenschaft gediehen?

Föhrenbach: Zwei Teilbereiche haben wir angesprochen, die innerhalb der Fakultät Wirtschaft bereits umgesetzt werden. Dazu gesellt sich in der Fakultät Technik die Medizintechnik, die neben den bildgebenden Verfahren ganz neu auch die diagnostische Gerätetechnik anbieten wird.

Nagler: Weitere Anträge sind gestellt, die politischen Signale stehen derzeit aber noch auf Halt. Die Grundfrage lautet, wie viele Arbeitsplätze im Gesundheitswesen und in der Pflege künftig akademisiert werden sollen. 10 bis 15 Prozent ist eine Zahl, mit der wir durchaus leben könnten.

Beedgen: Die grundsätzliche Einteilung, dass Ärzte studieren müssen, das Pflegepersonal aber keine akademische Ausbildung genießen soll, ist nicht mehr zeitgemäß. Die Akademisierung des Gesundheitswesens und der Pflege würde sicher mehr qualifizierte Bewerber anziehen.

Landesminister Peter Friedrich hat im vergangenen Herbst in Mannheim das duale Ausbildungssystem als möglichen "Exportschlager" für andere EU-Staaten ins Auge gefasst. Wie realistisch ist seine Vision?

Nagler: Grundsätzlich stimme ich ihm zu. Dabei muss allerdings bedacht werden, dass das duale Bildungssystem nicht im Wesentlichen auf der Dualen Hochschule fußt, sondern auf dem grundsätzlichen Bedarf an dualer Berufsausbildung.

Beedgen: Und aus der Bereitschaft der Unternehmen, langfristige Entscheidungen zu treffen und das sogenannte Bildungskapital in die Zukunft zu investieren. Diese Bereitschaft geht beispielsweise dem angelsächsischen Modell gänzlich ab, wo mit dem Bildungssektor direkter Profit erzielt werden soll. Hierzulande haben viele Unternehmen dagegen erkannt, dass eine gute Ausbildung sich langfristig bemerkbar macht, die Qualität der Mitarbeiter und deren Bindung zum Unternehmen steigt. Diese Einstellung sollten wir uns in Deutschland bewahren.

Nagler: Diese gewachsene Kultur belegen auch folgende Zahlen: Allein an der DHBW Mannheim nehmen jährlich rund 2500 junge Menschen ihr duales Studium auf, unsere Partner aus der Wirtschaft investieren in jeden einzelnen davon bis zum Studienabschluss rund 40 000 Euro, das heißt pro Studienjahrgang 100 Millionen Euro. Das ist auch international gesehen eine echte Größenordnung.

Stichwort Internationalität: Wo und wie stark können Ihre Studierenden bereits heute von der internationalen Zusammenarbeit im Hochschulwesen profitieren?

Föhrenbach: Der Anteil unserer Studierenden, die ein Theorie- oder Praxissemester im Ausland verbringen steigt ständig - mehr als ein Drittel nutzt bereits diese Angebote. In diesem Zusammenhang muss man auch unsere Partner aus der Wirtschaft loben, die - wenn immer es geht - Praxisphasen im Ausland ermöglichen. Innerhalb der Fakultät Technik konzentrieren wir uns außerdem verstärkt auf die Ausbildung von Mitarbeitern mit "Brückenfunktionen", das heißt, die künftig in internationalen Dependancen deutscher Unternehmen oder umgekehrt in deutschen Niederlassungen ausländischer Firmen tätig sind. Den Studiengang Maschinenbau internationalisieren wir durch Programme mit Frankreich und der Türkei, im Bereich Elektrotechnik starten wir ein Pilotprojekt mit Singapur.

Beedgen: Wir müssen aber noch viel internationaler werden, gerade auch in der Fakultät Wirtschaft. Für uns stellt sich die Frage: Was bedeutet Internationalität konkret in einer Stadt wie Mannheim und wie können wir auf einer Situation aufbauen, die wir hier vorfinden. Das kann ein sehr fruchtbares Terrain für die Duale Hochschule werden. Wir denken zum Beispiel gerade über Angebote speziell für türkische Unternehmer nach, erste Gespräche haben bereits stattgefunden. Dabei steht nicht nur das fachliche Know-how im Mittelpunkt, sondern auch kulturelle Aspekte. Schließlich gilt: Wer mit Menschen ins Geschäft kommen will, muss für deren Bedürfnisse und Kultur sensibilisiert sein.

An der DHBW Mannheim sind aktuell rund 6600 Studierende eingeschrieben. Bei welcher Zahl ist aus Ihrer Sicht das Ende der Fahnenstange erreicht?

Nagler: Unser Ziel sind rund 7200 Studierende in etwa sechs, sieben Jahren. Das setzt den Endausbau des Bereichs Gesundheitswesen sowie den Aufbau des Chemie- und Bioingenieurwesens voraus.

Stichwort Ingenieurwesen: Die MINT-Fächer trüben nach wie vor die ansonsten gute Ausbildungsbilanz.

Föhrenbach: Das ist in der Tat so. Der Fachkräftemangel auf diesem Gebiet ist besonders in den mittelständischen Unternehmen spürbar. Es dauert lange, das Image der in den 70er und 80er Jahren etwas verkannten Ingenieursberufe zu korrigieren, das schulische Bildungssystem beschert uns momentan auch noch zu wenig qualifizierte Bewerber. Darauf reagieren wir und rücken diese Bereiche stärker in unseren Fokus - mit einem eigenen MINT-Kolleg, aber auch mit der von uns entwickelten Bewerber-Börse, die jetzt an den Start geht. Sie soll vor allem kleineren und mittleren Unternehmen die Möglichkeit bieten, auf sich aufmerksam zu machen und junge Talente für sich zu gewinnen. Denn für Schüler ist es schwer, neben den Global Playern die vielen "Hidden Champions" als attraktive duale Ausbildungspartner zu entdecken. Wir gehen damit quasi den umgekehrten Weg zum klassischen Bewerberverfahren. Interview: Stefan Wagner