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Jazz im Quadrat Ausnahmeschlagzeuger Pete York tritt bei der „Hautnah“-Reihe im Club „Ella & Louis“ auf

Britischer Humor trifft auf Virtuosität

Diese Premiere ist eine für die Jazz-Geschichtsbücher. Nicht allein, weil es dem „Mannheimer Morgen“ gelang, zum Auftakt der „Jazz im Quadrat-Hautnah Exklusiv“-Reihe einen Ausnahmekünstler wie Pete York zu verpflichten – sondern auch weil wie der Brite aus Middlesbrough die zweieinhalb Stunden dieses Abends mit pulsierender Energie füllt.

Schon der Anfang im Jazzclub „Ella & Louis“ ist ein Pointen-Feuerwerk ganz eigenen Ausmaßes. Von „MM“-Kulturredakteur Georg Spindler zu seinen musikalischen Wurzeln gefragt, erinnert sich der 76-Jährige nicht nur an den großen Gene Krupa und eine Zeit mit dem Ohr am Radio, einem Leben in Armut und der Sehnsucht nach einem Plattenspieler zurück, sondern schließt damit auch genial auf heute: „Man verdient in unserem Job einfach nichts mehr – deshalb bin ich ja hier!“ Den ersten Lacher hat sich York damit längst gesichert – und gewinnt die Herzen seiner Zuhörer mit jedem weiteren Satz im Sturm.

In kurzen, klaren Worten schwärmt er von der Dynamik eines Sonny Payne, der ihm mit seinem Spiel den „ersten Orgasmus“ beschert habe, berichtet vom unheimlichen Talent des jungen Stevie Winwood und erinnert an die auratische Kraft eines Spencer Davis. Man merkt an diesem Abend schnell: Pete York könnte Stunden weitererzählen und würde dabei weder sich noch das Publikum je ermüden. Persönliche Bühnenerfahrungen mit Granden wie Eric Clapton, Ian Pace oder Helge Schneider bleiben im persönlichen Gespräch zwar nur Anekdote – klingen in ihrer prägenden Kraft jedoch unverkennbar mit.

Band legt Klangfundament

Denn dass die Kernkompetenz der Briten bei aller erwünschter Komik nicht zur Randdisziplin verkommen soll, spürt man schon dem Standard „Sentimental“ an, den der Trommel-Routinier wahlweise mit dem Jazzbesen oder der baren Hand veredelt. Aber auch und gerade die Billy-Preston-Nummer „Nothin’ From Nothin’“ erhebt der 76-Jährige mit einem furiosen Solo zum Meisterstück. Dabei sind Wendigkeit und Variantenreichtum Yorks unschlagbare Waffen, mit denen sein Spiel organisch begeistert.

Zweifelsohne sieht sich der Jazz-Star in seiner Mission nicht als verpflichteten Frontkämpfer, der nur im tönenden Becken-Rodeo eigener Improvisationen zu überzeugen versteht, im Gegenteil: Hier musiziert einer, der vom leisen Snare-Trippeln bis zum mächtigen Bass-Drum-Gewitter Trommelmusik in humorvoll vollendeter Perfektion feilbietet.

Ein Sound, der ohne seine famosen Spangalang-Kollegen freilich nur die Hälfte wert wäre. Allein Stephan Holstein zeigt an Saxophon und Klarinette gleichermaßen, wie sich der Drive von Duke Ellingtons „Caravan“ in audiophile Euphorie übersetzen lässt. Und während sich Bassist Jens Loh im Hintergrund um ein perfekt gegossenes Klangfundament kümmert, durchschreitet ein tief inspirierender Martin Schrack an den Tasten längst die ersten Etagen dieses Tongebäudes.

Nicht nur für die Weinheimer Jazz-Kenner Brigitte und Ben Schmidt „ein ganz großer Moment“ und „der Gipfel von allem, was wir bisher bei ‚Jazz im Quadrat’ erlebt haben!“ Ganz wie ein guter Wein, der im Alter immer besser werde, sei York „eine sensationelle Mischung zwischen bestem britischen Humor und beispielloser Technik“, die ein großartiges Publikum sichtlich zu schätzen wisse.

Es sind Worte, mit denen die Schmidts die Szenerie kaum besser beschreiben könnten. Denn zwischen die frivolen Frotzeleien über den „Stones“-Mann Bill Wyman, zahllose beneidenswert gute Gesangseinlagen und diesen nimmermüden Gestaltungswillen eines großartig aufgelegten Pete York mischen sich immer wieder gellende Jubelrufe eines ausverkauften Hauses, das den Stern dieses Abends kaum gehen lassen möchte. Wen will es nach diesen 140 Minuten wundern, dass Gäste lautstark nach einer Wiederholung rufen.

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