Sonderthema

Die Kerwe im Wandel der Zeiten

Archivartikel

Geschichte: Der Jahrestag der Kirchenweihung wird in der Region seit dem 18. Jahrhundert gefeiert

Dass "die Kerwe" ("Kirchweih") ursprünglich als Jahrestagsfeier der Weihe der Kirche schon im frühen 18. Jahrhundert gefeiert wurde und eine gewisse Tradition hatte, das bezeugen Briefe der Liselotte von der Pfalz. Das Fest war jedoch in erster Linie ein willkommener Anlass, fröhlich zu feiern. Man könnte sagen, es "verweltlichte", was ja heute ganz offensichtlich so ist. Was nun den Termin angeht, so wurde nicht am Weihetag der Kirche festgehalten. Es gab verschiedene Gründe, sich anders zu orientieren. Meist gab dabei die Landwirtschaft den Ton an, um durch die beiden "arbeitsarmen" Tage keine wesentlichen Ausfälle zu produzieren, so etwa während der Tabakernte. Das führte dazu, dass überall in der Region zu verschiedenen Terminen Kerwe gefeiert wurde. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts versuchte die Badische Regierung, das Fest auf einen Termin zu fixieren, was ihr nicht vollständig gelang. Immerhin aber gibt es doch etliche Gemeinden, die den "befohlenen" dritten Oktobersonntag angenommen und beibehalten haben. So auch Seckenheim - aber nach vielen Widerständen erst ab 1862.

Dass der Termin mit tatsächlichen Jahrestagen der Kirchen nichts zu tun hat, belegt, dass zur Erlöserkirche etwa der Grundstein am 6. August 1867 gelegt und das Gotteshaus am 21. April 1869 eingeweiht werden konnte. Die gemeinsame, simultan genutzten St. Aegidiuskirche des Hofbaumeisters Zeller erhielt am 28. März 1737 ihren Grundstein, und von einem Weihefest ist nichts überliefert, lediglich die Schlüsselübergabe ist auf den 20. November 1738 protokolliert. Auch die große St. Aegidiuskirche, geweiht am 27. Mai 1906, hat mit dem Kerwetermin nichts zu tun.

Weder die Erlöserkirche noch St. Aegidius stehen also mit dem dritten Sonntag im Oktober in direkter Verbindung. Dennoch wurden stets feierliche Gottesdienst gehalten, ehe am Sonntag dann das Kerwetreiben auf den Straßen und vor allem in den Gasthäusern anlief. Entweder wurde in den Familien festlich serviert, oder man hatte einen Tisch in einem der über 20 Seckenheimer Gasthäuser bestellt. Am Nachmittag wurde auf der Hauptstraße spaziert, wie heute auch, es wurde der Rummelplatz, der damals die ganzen Planken vom Heumarkt bis zum Rathaus einnahm, besucht. Es wurde "Reitschul" gefahren oder in die Schifferschaukel eingestiegen, es wurde ein neuer Hut oder auch Geschirr gekauft und es gab die "Zuggastobba", die zusammen mit weiteren Süßigkeiten, die es sonst das Jahr über in keinem örtlichen Laden zu kaufen gab, als "Kerwebollä" mit nach Hause gebracht wurden. Zum Nachmittagskaffee kam oft die Verwandtschaft, mit der man dann auch "auf die Kerwe" ging. Am Abend fanden sich dann die Seckenheimer in "ihren" Gaststätten ein, denn es gab für Protestanten, Bauern, Katholiken und Handwerker sowie bestimmte Vereine unterschiedliche Lokale, die alle einen Saal hatten, wo zum Tanz bis spät in die Nacht aufgespielt und so manche Ehe angebahnt wurde. Oft wurde um Mitternacht noch eine Suppe gereicht, und am Montag ging es weiter. Wieder im Sonntagskleid und Anzug wurde dieser weltliche Feiertag in den Lokalen und "auf der Kerwe" genossen. Die jungen Männer vergnügten sich mit Kerwebräuchen, von denen in Seckenheim lediglich die Kerweschlumbl der Kerwefreunde "überlebt" hat, obwohl sie jedes Jahr am Kerwedienstag in Flammen aufgeht.

Wie sich die Zeiten ändern: Während früher an diesem Kerwemontag - am Sonntag ohnehin - die Geschäfte geschlossen und selbst in den Bauernhöfen die Arbeit auf ein Mindestmaß reduziert wurde, sind heute am Kerwesonntag sogar die Ladengeschäfte geöffnet. Landwirte indes gibt es im Ortskern keine mehr. hat