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"Handwerk agiert nicht hinterm Mond"

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Zum Tag des Handwerks: Pressesprecher Detlev Michalke von der Handwerkskammer Mannheim Rhein-Neckar-Odenwald im Interview

Mannheim.Am 19. September ist wieder "Tag des Handwerks". Motto in diesem Jahr: "Leidenschaft ist das beste Werkzeug". Bundesweit präsentieren Handwerksorganisationen und Betriebe die Vielfalt des Handwerks. Für Jugendliche, die nach der Schule noch nicht wissen, wie es weitergeht, ist dieser Tag auch eine Möglichkeit, sich über die über 130 Handwerksberufe zu informieren. Auch die Handwerkskammer Mannheim Rhein-Neckar-Odenwald berät zu Handwerk, Ausbildung und Weiterbildung in diesem Bereich. Im Interview erzählt Pressesprecher Detlev Michalke, warum manche Lehrstellen freibleiben, welche Handwerksberufe besonders beliebt sind und welche vielfältigen Chancen eine handwerkliche Ausbildung bietet.

Das neue Ausbildungsjahr hat vor kurzem begonnen - hatten die Ausbildungsstätten Probleme, die noch offenen Stellen zu besetzen?

Detlev Michalke: In der Region Rhein-Neckar-Odenwald zeigt sich ein differenziertes Bild. Aufgrund zurückgehender Schülerzahlen waren auch in diesem Jahr wieder einige Stellen in der Lehrstellenbörse der Handwerkskammer Mannheim Rhein-Neckar-Odenwald freigeblieben. Heute, nach Ausbildungsbeginn, können wir feststellen, dass die Betriebe in den Städten oder in Gemeinden mit guten Verkehrsanbindungen in der Regel genug Bewerber haben, die sich für die ausgeschriebenen Stellen interessieren. Hierunter sind auch viele junge Menschen, die ausreichend qualifiziert sind und den Anforderungen - gerade in den anspruchsvollen Handwerksberufen - entsprechen. Betriebe, die in den ländlichen Regionen ihren Sitz haben, sind oftmals benachteiligt, weil sie zu wenig Bewerbungen erhalten. Das hängt sicherlich mit dem demografischen Faktor zusammen, aber auch dem Drang der jungen Menschen, näher an die großen Zentren zu kommen. Bei diesen Betrieben, die wenige Bewerbungen erhalten, sind auch oftmals Schüler mit schwachen schulischen Leistungen dabei. Viele Handwerksunternehmer schauen dann vor allem auf die praktischen Fähigkeiten und weniger auf die Noten. Diese Entwicklung, die sich in den vergangenen Jahren abzeichnete, könnte man auch als eine Ausprägung der Landflucht bezeichnen. Die Problematik bei den Betrieben im Handwerk ist in vielen Fällen, dass die Jugendlichen, die gute Noten und Schulabschlüsse haben, bevorzugt in die Industrie gehen möchten oder Schreibtischberufe ergreifen möchten. Dann bleiben für das Handwerk oftmals nur Bewerber mit schlechteren Voraussetzungen, insbesondere im Theorieteil. Konsequenz aus dieser Entwicklung ist, dass einige Betriebe sich aufgrund der Bewerberauswahl auch dazu entschieden haben, freie Lehrstellen nicht zu besetzen und somit auch nicht auszubilden.

Auf welche der über 130 Handwerksberufe haben sich besonders viele beworben?

Michalke: Sehr viele junge Männer interessieren sich für eine Ausbildung als KFZ-Mechatroniker, für den Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik oder die Ausbildung als Tischler. Junge Damen möchten bevorzugt in eine Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement oder auch in das Friseurhandwerk gehen. Die Verkäuferinnenausbildung im Lebensmittelhandwerk - also im Bäcker-, Konditor- und Fleischer-Handwerk - ist ebenfalls von jungen Damen geprägt.

Die neuen Kampagnenmotive von "Das Handwerk" sollen Jugendliche auf die vielfältigen Chancen im Handwerk aufmerksam machen - welche sind das?

Michalke: Die Imagekampagne des deutschen Handwerks hat in den vergangenen Jahren viel über das Handwerk "erzählt". So war im ersten Jahr die Größe des Handwerks ein Thema, aber auch die Modernität. Seit Beginn dieses Jahres setzt die Kampagne vor allem auf junge Menschen und möchte sie für einen Beruf im Handwerk gewinnen. Dass Handwerk modern ist, erkennen immer mehr Schüler, die auch über Praktika oder aber über Besuche in Handwerksbetrieben das Innenleben einer Werkstatt gesehen haben. Vermittelt werden soll über die Motive der aktuellen Kampagne auch, dass Handwerk sehr viel mit Technik zu tun hat und nicht "hinterm Mond" agiert. Sondern, wie es auf einem Plakat deutlich wird, mit handwerklicher Arbeit und Technik sogar auf dem Mars vertreten ist. Diese Herausforderung anzunehmen, versucht die Kampagne in besonderer Weise deutlich zu machen. Weiter werben wir dafür, dass die Karrieremöglichkeiten im Handwerk groß sind. Über gute Weiterbildungsmöglichkeiten bis hin zur Selbstständigkeit kann man seinen eigenen Horizont erweitern und sich so auch eine gute Ausgangssituation für die eigene Karriere verschaffen. Gerade die Meisterprüfung ist und bleibt ein erstrebenswertes Ziel. Denn Handwerk ist heute nicht mehr "die letzte Möglichkeit", sondern man kann mit der Meisterprüfung sogar an die Universität gehen und dort studieren. Oder um es auf den Punkt zu bringen, könnte man formulieren: Vom Lehrling zum Professor. Dieser Weg ist heute möglich und wird auch genutzt. Im Übrigen gibt es das Handwerk auf der ganzen Welt. Denn egal welchen Handwerksberuf wir auch betrachten: ihn wird es - in unterschiedlicher Ausprägung - auch in anderen Ländern und Kontinenten geben.

Was bringt der bundesweite "Tag des Handwerks" am 19. September dem Handwerk?

Michalke: Der Tag des Handwerks, immer am dritten Septembersamstag, wird bereits seit fünf Jahren gefeiert. Er soll deutlich machen: 364 Tage für den Kunden, einen Tag für uns, die Menschen im Handwerk. Zugleich können wir auf die Errungenschaften im Handwerk verweisen und für das Handwerk an diesem Tag werben. Denn das Handwerk ist und bleibt ein wichtiger Faktor in unserem Alltag. Es begleitet uns vom Aufstehen bis zum Schlafengehen. Und bevor jemand das Haus verlässt, hatte bereits Kontakt mit mindestens zehn Handwerken, die ihn im Alltag begleiten. So wird der "Tag des Handwerks" auch zu einem Tag, das Handwerk sichtbar zu machen. zg