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Rundfahrt durch das Revier

Archivartikel

Käfertal ist nicht einfach ein Stadtteil. Käfertal ist eine Kleinstadt. Es gibt eine große Bundesstraße mit Autobahnanschluss (B 38), internationale Konzerne, Wohn- und Gewerbeviertel, einen alten Stadtkern. In absehbarer Zeit wird die Deutsche Bahn hier einen S-Bahn-Haltepunkt bauen und die freiwerdenden Konversionsflächen von Spinelli und Benjamin Franklin Village werden das ohnehin stattliche Käfertal noch einmal kräftig wachsen lassen. Chris Rihm hat auch schon ziemlich genaue Vorstellungen, was mit dem Land geschehen soll. Der Vorsitzende des Gewerbevereins nimmt uns mit auf eine Rundfahrt durch "sein Revier".

Los geht es bei einem Global Player, dessen große rote Buchstaben weithin sichtbar sind: ABB. In Mannheim sitzt die deutsche Landesgesellschaft des Schweizer Elektrotechnik-Konzerns, der weltweit rund 150 000 Menschen beschäftigt.

Wir befinden uns in Käfertal-Süd, fahren durch die Neustadter Straße. Hier reiht sich ein Auto-Betrieb an den anderen, von der Lackiererei über die Werkstatt bis hin zum Umzugs-Spediteur. Der kanadische Verkehrstechnik-Konzern Bombardier hat hier einen Produktions- und Entwicklungsstandort. In dieser Ecke brummt es gewaltig - und dennoch muss man nur ein Mal abbiegen, um sich in die Reihenhaus-Romantik der 50er Jahre zurückversetzt zu fühlen, inklusive Gärtchen hinterm Haus.

Hier gibt es ihn noch, den "einheimischen Bäcker", wie Rihm schon fast nostalgisch sagt: einen über mehrere Generationen geführten Familienbetrieb. Das aber sei die Ausnahme: "Bei den meisten Kleingewerben haben wir eine hohe Fluktuation, das ist nicht mehr so beständig, wie es mal war." Die Nagelstudios, Friseure und Imbissbuden - sie wechseln fast jährlich den Besitzer.

Für den Teil der Spinelli Barracks, der zum Stadtteil gehört und Käfertal-Süd nach Feudenheim abgrenzt, hat Rihm die eingangs erwähnte genaue Vorstellung. Neben dem für die Bundesgartenschau genutzten Areal soll Wohnraum entstehen. "Es ist wichtig, dass es grün wird", sagt Rihm. Wir werden bald sehen, was er damit meint.

Ein paar Straßen weiter fahren wir parallel zur B 38 Richtung Norden. Rechts Autohäuser, soweit das Auge reicht. "Wir haben uns mal den Spaß gemacht, die Autohäuser gezählt und mit anderen Stadtteilen verglichen. Wir haben tatsächlich die höchste Dichte der ganzen Stadt", sagt Rihm. Auch der ADAC, ein großer, weltweit agierender Autoverleih und eine Malteser-Station haben sich hier niedergelassen. Supermärkte von imposanten Ausmaßen - "Frequenzbringer", wie Rihm sie nennt. Hier hat Käfertal absolutes Großstadtflair - aber will man hier auch leben?

Direkt gegenüber, auf der anderen Seite der B 38, sieht Rihm die Antwort auf diese Frage. Rund 144 Hektar Konversionsfläche liegen hier. Noch stehen unzählige verlassene Wohnhäuser, Sporthallen, Supermärkte darauf, wuchert das Gras allmählich durch Risse im Asphalt. Rihm wird geradezu enthusiastisch, wenn er von seiner genauen Vorstellung vom Benjamin Franklin Village der Zukunft spricht. "Wir haben hier eine historische Chance, was zu schaffen. Mannheim braucht attraktiven Wohnraum, der zum Beispiel den Facharbeiter mit seiner Familie von dieser Stadt überzeugt."

Es ist das alte und dennoch hochaktuelle Lied von denen, die in Mannheim gutes Geld verdienen, zum Wohnen aber lieber ins Umland gehen - und dort dann die von den Kommunen so begehrte Einkommenssteuer entrichten. "Hier geht es nicht um Reich gegen Arm, sondern darum, das Ganze realistisch zu sehen: Wir brauchen auch diejenigen, die in den Haushalt einzahlen", sagt Rihm und macht sich auch für luxuriösen Wohnraum stark - beispielsweise auf Franklin. "Ich halte nichts davon, zu sagen: Millionäre wollen wir nicht. Die Mischung macht's."

Dasselbe könnte man von Käfertal sagen. Weiter nördlich geht es durch die "Ärztemeile" mit Sanitätshäusern, Ärztehaus und ASB-Zentrale bis hinauf in den Käfertaler Wald, wo das Viertel an die Gartenstadt stößt.

Auf dem Rückweg fahren wir über Waldstraße und Auf dem Sand in die Obere Riedstraße, die das zweite große Gewerbegebiet - inklusive Werk des französischen Alstom-Konzerns - mit dem alten Stadtkern verbindet. Hier, wo neben der Riedstraße die Wormser und die Mannheimer Straße die "Achsen" bilden (Rihm), liegt das Sorgenkind Käfertals. Rihm, Inhaber eines Reisebüros, zeigt auf bröckelnde Fassaden an der ehemals belebten Wormser Straße, schmutzige Ecken und leerstehende Abrisshäuser. "Hier muss sich was tun", sagt er. Man kann ihm nur schwerlich widersprechen.