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Verbraucherschutz

Abzocke „Schlüsseldienst“: Wie Verbraucher sich schützen

Archivartikel

Odenwald-Tauber.Die Tür fällt ins Schloss. Man hört ein Klicken. Dann die Erkenntnis: „Ich hab’ mich ausgesperrt.“ Es folgt der Griff zum Telefon – und damit oft schon der erste Fehler.
Sucht man bei Google nach „Schlüsselnotdiensten“ fördert die Suchmaschine diverse – vermeintlich lokale – Anbieter zutage. Doch ist hier laut Fachmann Heinz Drost Vorsicht geboten: „Es handelt sich oft um Rufumleitungen“, erklärt der Schlüsselnotdienstler. „Der Kunde wählt etwa die Bad Mergentheimer Vorwahl und kommt zum Schluss an einem hundert Kilometer entfernten Ort raus.“ Da könne allein die An- und Abfahrt gut und gerne 200 Euro Kosten – mehr als der komplette Service eines hiesigen Anbieters. Es gibt viele schwarze Schafe. Die Stiftung Warentest hat zehn Schlüsselnotdienste vor Ort und vier Vermittlungsportale getestet. Dabei bekamen drei von vier Vermittlern die Note „mangelhaft“. Bei lokalen Schlüsseldiensten lief es besser. Hier seien laut Stiftung Warentest nur drei von zehn aus der Reihe gefallen.
„Schäden sind vermeidbar“
Heinz Drost, der lange mit seinem Schlüsseldienst selbstständig war und heute noch Notdienste in seinem Kleingewerbe anbietet, erklärt im FN-Gespräch, auf was es zu achten gilt. „In 90 Prozent der Fällen ist es möglich, die Tür zu öffnen, ohne etwas zu beschädigen.“ Greift der Schlüsselnotdienst direkt zum Bohrgerät, ohne Alternativen zu prüfen, sollte der Verbraucher hellhörig werden. „Bohren ist die allerletzte Lösung, weil es dabei oft zu Schäden kommt“, erklärt Drost. Verfüge der Schließzylinder über einen sogenannten Bohrschutz, das sind beispielsweise Stahlstifte oder -kügelchen, könne es passieren, dass Bohrer und Schloss zerstört werden – während die Tür am Ende trotzdem zu bleibt. Ein seriöser Schlüsseldienstler versuche zunächst, einen Weg ins Haus zu suchen, ohne sich an der Tür zu schaffen zu machen, sagt Drost und nennt Beispiele.
An Fasching ist Hochbetrieb
Vor Kurzem war Fasching. Zu dieser Zeit herrsche immer Hochbetrieb in der Branche. Als Heinz Drost also nachts ausrückt, um einen betrunkenen Mann in sein Haus zu lassen, der seinen Schlüssel verloren hat, denkt der erfahrene Notdienstler zunächst gar nicht daran, das Schloss zu knacken. Mit der Taschenlampe suchen die beiden zunächst die nähere Umgebung ab. Der verlorene Schlüssel kommt zum Vorschein, der Fall ist schnell gelöst. Gerade bei älteren Leuten komme es häufiger vor, dass sie den Schlüssel schlicht und einfach verlegt haben – er beispielsweise unter den Autositz gerutscht oder in den Tiefen der Handtasche verschwunden ist. Offene Fenster, Zugänge über den Balkon oder andere Schlupflöcher: Es gibt viele Wege, in ein Haus zu kommen. Erst wenn sie alle versperrt sind, greift Heinz Drost in den Werkzeugkasten. Ist die Tür zugefallen – aber nicht abgeschlossen – holt er aus diesem dann etwa seinen Elektropick. Das Gerät ist quasi ein elektrifizierter Dietrich. Durch Vibration bringt der Pick die Stifte im Zylinder zum Schwingen. Wenn man den richtigen Moment abpasst, so Drost, sind die Stifte auf der richtigen Höhe, der Dietrichaufsatz lässt sich einführen, das Schloss sich sich öffnen. Wann der richtige Moment da ist? „Gefühlssache“, lacht der Profi. Der Bohrer kommt bei Drost erst zum Einsatz, wenn die Tür zu – und zugeschlossen ist.
Wucher hat viele Facetten
Doch wird es für Verbraucher nicht nur teuer, wenn dubiose Anbieter Sachbeschädigungen hinterlassen oder lange Anfahrten berechnen. Ein lukrativer Zusatzerwerb ist für die schwarzen Schafe der Verkauf von überteuerten Schlüsseln und Schlössern. Dann wird etwa ein Zylinderschloss, das normalerweise etwa zwischen 30 und 50 Euro kostet, für 200 verkauft. Oder den Kunden Schlüssel (etwa zehn bis 25 Euro) für 45 Euro angedreht. Heinz Drost sind schon Fälle untergekommen, bei denen Kunden am Ende 700 bis 1000 Euro für einen Dienst bezahlten, für den er nur 100 bis 150 Euro berechnet hätte. Mitunter wird der „Service“ der schwarzen Schafe kriminell. Wer die Zwangslage eines Menschen ausnutzt und für eine Dienstleistung in einem auffälligen Missverhältnis abkassiert, der begeht laut § 291 StGB Wucher. Dem baden-württembergischen Landeskriminalamt (LKA) sind diese Übervorteilungen nicht fremd. Von 2017 auf 2018 haben entsprechende Straftaten deutlich zugenommen. Hat das LKA 2017 noch 151 Fälle erfasst, waren es 618 Delikte im Jahr 2018 – 467 mehr. Die Statistik für 2019, so eine Sprecherin, sei noch nicht veröffentlicht. Je nach Situation erfüllten dubiose Dienstleister in Einzelfällen auch Straftatbestände wie Nötigung oder Bedrohung.
Menschen in Gefahrenlagen
Vereinzelt greift im Übrigen auch die Polizei auf Schlüsselnotdienste zurück. Heinz Drost stand schon bei manchem Einsatz zur Seite. Immer wieder kommt es auch zu Öffnungen, bei denen Menschen sich in Gefahrenlagen befinden. Etwa in dem Fall einer 75-Jährigen Frau, die für 24 Stunden in ihrer eigenen Badewanne gefangen war. „Sie hat glücklicherweise immer wieder warmes Wasser nachgelassen. Sie war aber trotzdem total unterkühlt, als wir sie gefunden haben.“ In anderen Fällen kommt jede Hilfe zu spät. Schon öfter öffnete Drost Türen zu Wohnungen, in denen der Bewohner bereits seit mehreren Tagen tot gelegen hatte. „Dabei erkennt man den Geruch eigentlich schon beim Betreten der Haustüre.“ Beim Fall einer 30-Jährigen, die sich im Winter im dünnen Morgenmantel aussperrte, muss Drost etwas schmunzeln. Die war schon total verfroren, als er ihr den Zutritt in die warme Stube ermöglichte. „Vor lauter Dankeschön ist ihr dann wieder die Tür ins Schloss gefallen und die Arbeit ging von vorne los“, lacht er.