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Atomkraftwerk Philippsburg

Die Kühltürme von Philippsburg sind Geschichte

Archivartikel

Philippsburg.Um 6.06 Uhr am Donnerstagmorgen waren die beiden Kühltürme des Atomkraftwerks Philippsburg Geschichte. Eine Minute zuvor ertönte ein Signalton, anschließend gab es eine kleine Explosion und der Turm von Block I fiel in sich zusammen. Wenige Sekunden später erfolgte die Sprengung des zweiten 32 500 Tonnen Stahlbeton-Kolosses. Eine Staubwolke stieg auf und hüllte die Rheinschanzinsel, auf der sich das Kraftwerk befindet, in einen kurzen Nebel.

„Wir sind mit dem gesamten technischen Ablauf sehr zufrieden. Durch unsere aufwendige Planungs- und Vorbereitungsarbeiten konnten wir gewährleisten, dass der Abbruch sicher und verantwortungsvoll verläuft“, erklärte Jörg Michels, Chef der EnBW-Kernkraftsparte. Die Sprengung fand ohne Zuschauer statt. Weil Ansammlungen von Menschen aufgrund der Corona-Verordnungen vermieden werden sollen, gab der Energiebetreiber den genauen Termin nicht bekannt. Zufahrtsstraßen zur Rheinschanzinsel hatte die Polizei bereits seit Mittwoch gesperrt, der Schiffsverkehr auf dem Rhein war während des Abbruchs ausgesetzt. Da die nächste Wohnbebauung 1,6 Kilometer von der Anlage entfernt liegt, musste für die Zeit während der Sprengung niemand aus seinen Häusern evakuiert werden.

Trotz des eigentlich geheimen Termins traf die Polizei am Donnerstagmorgen auf zahlreiche Schaulustige. "Insgesamt sind wir zufrieden mit dem Einsatz, mussten aber ab und zu eingreifen und auf die Abstandsregeln hinweisen", so ein Sprecher des Polizeipräsidiums Karlsruhe auf Anfrage dieser Redaktion. Bereits am späten Mittwochabend hatten Greenpeace-Aktivisten von der pfälzischen Rheinseite aus die Kühltürme mit einem Projektor beleuchtet. Da sie damit gegen die kommunale Allgemeinverfügung verstießen, erteilte ihnen die Polizei einen Platzverweis.

Bei der Abbruchsart hatte sich die EnBW gemeinsam mit dem Umweltministerium Baden-Württemberg für eine „Fallrichtungssprengung“ entschieden – eine Methode, die bereits mehr als 50 Mal beim Abbruch von Kühltürmen Anwendung fand. Fall- und Vertikalschlitze wurden bereits in den vergangenen Wochen in die Außenschalen der Bauwerke gesägt. So konnte gewährleistet werden, dass die Türme unter Nutzung ihres Eigengewichts in sich zusammenfallen. Der Sprengstoff selbst wurde gezielt in die Stützen, auf denen die Türme stehen, angebracht. Dafür wurden insgesamt 2200 Löcher gebohrt. Weiteres Sprengmaterial befand sich in den Schlitzen. "Bei der Sprengung zünden die Ladungen nahezu gleichzeitig von unten nach oben", hatte Projektleiter Thomas Müller dieser Redaktion erklärt. Mehrere Fachleute begleiteten und kontrollierten die Sprengung.

Block I des Atomkraftwerk Philippsburg ging 1979 ans Netzt, Block II folgte 1984. Beide Blöcke zusammen konnten rechnerisch bis zu vier Millionen Haushalte mit Strom versorgen. Gemäß dem Atomausstiegsgesetz wurde Block I im März 2011 heruntergefahren, Block II am 31. Dezember 2019 abgeschaltet. In den nächsten Jahren soll auf dem Gelände der Anlage ein Gleichstrom-Umspannwerk entstehen, das den Endpunkt einer Stromautobahn bildet. Über sie soll ab 2025 Windstrom aus Norddeutschland in den Süden transportiert werden.

Jahrzehntelang waren die beiden 152 Meter hohen Kühltürme das Wahrzeichen der Stadt Philippsburg. Aufgrund ihrer Größe und ihrer Lage in der flachen Rheinebene waren sie von den Hängen des Pfälzerwaldes oder auch aus Heidelberg aus sichtbar und stellten einen guten Orientierungspunkt dar.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Baden-Württemberg (Bund) begrüßte die Sprengung der Türme. „Der Abgesang auf die Erzeugung von Atomstrom geht damit unaufhörlich weiter, doch ein Ende der Probleme ist nicht in Sicht“, heißt es in einer Pressemitteilung. „Die Frage der gefährlichen Atommüll-Lagerung ist weiter ungeklärt und der Ausbau der erneuerbaren Energien kommt kaum voran“, so der Bund. Seit 2007 werden auf dem Gelände des Atomkraftwerks Philippsburg Castoren mit wiederaufbereiteten Brennelementen gelagert. Seit diesem Jahr existiert eine zweite Halle, in der schwach- und mittelradioaktiv belastetes Material vom Rückbau der Anlage aufbewahrt wird. Ein Endlager für Atommüll gibt es in Deutschland noch nicht, laut gesetzlichem Ziel soll bis 2031 ein geeigneter Ort gefunden werden.

 

 

 

 

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