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Roman Meg Wolitzers neues Buch „Das weibliche Prinzip“ trifft thematisch einen Nerv / Figurenzeichnung gelingt nur teilweise

Über den feministischen Zeitgeist

Archivartikel

Greer Kadetsky ist schüchtern und schlau. Als sie auf einer College-Party von einem Studenten sexuell belästigt wird, entschließt sie sich, den Jungen zur Rechenschaft zu ziehen. Zwar klappt das nicht so wirklich – allerdings lernt Greer zufällig die berühmte Feministin Faith Frank kennen, eine Schlüsselfigur der US-amerikanischen Frauenbewegung des 20. Jahrhunderts. Eine Begegnung, die Greers Leben nachhaltig verändern soll.

„Das weibliche Prinzip“ von Meg Wolitzer, das nun in Deutschland erschienen ist, scheint perfekt in diese Zeit zu passen: eine Zeit, in der die „MeToo“-Bewegung weltweit ein Schlaglicht auf sexuelle Gewalt und Belästigung geworfen hat – und in der Tausende Frauen für ihre Rechte auf die Straße gehen. Doch geht es in „Das weibliche Prinzip“ weniger um übergriffige, mächtige Männer als vielmehr um Frauen. Um ihr Verhältnis untereinander, um ihren Kampf für Gleichberechtigung und um Zusammenhalt – es geht darum, was ältere, erfahrene Frauen den jungen mit auf den Weg geben können – es geht um Mentorinnen und Jüngerinnen.

Faith Frank, eine Frau in den 60ern, wird für Greer eine Mentorin. Faith erinnert an die Feministin Gloria Steinem, eine der bedeutendsten Figuren der US-Frauenbewegung in den 1960ern und 1970ern. Beide sind Gründerinnen einer Zeitschrift und sehen sich im 20. Jahrhundert mit einem neuen Feminismus konfrontiert, in dem sie bloß noch eine Fußnote sind. Greer hingegen wirkt ein bisschen wie das Klischee der mausgrauen Meisterschülerin, ihr mangelt es an Ecken und Kanten. Autorin Wolitzer haucht ihrer Protagonistin kaum Leben ein – sie bleibt eher blass. Greers Motivation, sich für andere Frauen zu engagieren, wirkt auf den Leser wenig überzeugend – sie scheint willkürlich.

Die junge Frau fängt an, in Faith Franks Stiftung in New York zu arbeiten. Und auch wenn die junge Greer später zu einer erfolgreichen Autorin und einem Vorbild für viele Frauen wird, scheint ihr Antrieb weniger die Sache – als das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit von Faith.

Korrumpiert durch Bestechung

Und so ist auch Faith Frank der viel spannendere Charakter – eine Frau, deren Arbeit mit zunehmendem Alter an Bedeutung zu verlieren scheint. Eine Frau, die von heutigen Feministinnen eher als eine Kämpferin für die weiße Elite wahrgenommen wird. Eine Frau, deren große Zeit vorüber ist. Und die sich schließlich im Kampf um Geltung und Einfluss auf schmutzige Millionen einlässt – von einem Geschäftsmann, der sein Geld nicht immer moralisch einwandfrei verdient hat.

Nachdem ihre Zeitschrift pleite geht, gründet Faith eine Stiftung, mit der sie Vorträge organisiert. Das Projekt gilt als elitär – und so steht auch immer wieder die Frage im Raum: Wie kann man überhaupt etwas verändern?

Autorin Meg Wolitzer hat Bestseller geschrieben, einige ihrer Werke wurden verfilmt – in Deutschland kennt man sie seit dem Jahr 2014 vielleicht besonders, als ihr Roman „Die Interessanten“ erschien. Zwei Jahre zuvor beklagte sie in einem Essay in der „New York Times“, dass Literatur von Frauen allein schon deshalb nie so richtig erfolgreich werden kann, weil sie im Buchladen meist im Regal für „Frauenliteratur“ landet. Eine Autorin also, die weiß, dass wir zwar im 21. Jahrhundert leben – aber Gleichberechtigung noch lange nicht erreicht ist.

Und so endet Wolitzers Buch in einem düsteren Heute – ihre Protagonistinnen versammeln sich in Washington, D.C. und protestieren beim Frauenmarsch (Women’s March) gegen „das große Grauen“ – Namen müssen nicht genannt werden. Wolitzers Buch endet in einer Zeit, in der liberale Freiheiten, das „Konzept des Fortschritts“, nicht mehr selbstverständlich sind – in einer Zeit, in der Frauen hart erkämpfte Freiheiten wieder verlieren könnten. Freiheiten, die von Frauen wie Faith Frank erkämpft wurden. Freiheiten, die Frauen wie Greer Kadetsky verteidigen müssen.