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Musiktheater Heidelberg versucht einen kritischen Opern-„Faust“-Abend, ästhetisiert am Ende aber die Täter zu Bühnenhelden

Überfordert vom Anspruch

Heidelberg.Auweia! Ein Gedanken- und Bilder-, ein Assoziationen- und, ja, ein universeller Geistesdurchfall. Alles kommt hier raus, alles kommt auf die Bühne, was dem Regisseur zum Thema Faust und Margarethe, zu Mann und Frau, Täter und Oper, Kunst und Medien, Kultur und Alltag, zu Wille und Vorstellung und überhaupt zu unserer ach so schönen und gottverdammten Mediendemokratie eingefallen ist. Was für ein Abend! Was für ein Abend der Unordnung, der Überbordung, der Überforderung, der Überambition. Noch mehr?

Nein, gar nicht uninteressant ist, was das Theater Heidelberg da tut. Ein Mann namens Martin G. Berger, Abiturient, Regisseur und noch keine 30 Jahre alt, bringt dort Charles Gounods lyrisches Drama „Faust (Marguerite)“ auf die Bühne des Marguerre-Saals. Und er und das Theater müssen sich vorwerfen lassen, vorsätzlich Etikettenschwindel zu begehen, denn an diesem bunten, dynamischen und auch nachdenklich machenden Event findet vieles statt, aber nicht die Aufführung einer Oper von Gounod, die allenfalls immer wieder aufblitzt, wenn sie mal zur Argumentation gebraucht wird.

Viel mehr findet hier ein Themenabend mit einer Durchdringung von Wirklichkeit, Geschichte und Kunst statt, der im Schauspiel gut aufgehoben wäre, obwohl er auch dort noch einige moralische Probleme hätte. Berger vermengt Gounods „Faust“ mit Jelinek, die in „FaustIn and out“ die Geschichte des österreichischen Tochtereinschließers und -vergewaltigers Fritzl verbrät, mit Goethes „Urfaust“, mit Sprüchen von Schopenhauer, Nietzsche, mit Prozessakten und einem BGH-Urteil und vielem mehr. Das ist viel. Zu viel?

Ausgangspunkt: Faust hatte, wie auch Roman Polanski, Woody Allen und leider abertausende Männer auf der ganzen Welt, Sex mit einer Minderjährigen. Schließlich soll Gretchen, die ja eine Erfindung bleibt, erst 14 gewesen sein. All das ist schrecklich und sollte streng geahndet werden. Aber lässt sich der Sex von (Goethes) Faust mit Gretchen, von der beim realen Doktor Faust im 15. Jahrhundert allenfalls metaphorisch als Helena die Rede ist, auf einen Nenner bringen mit dem Mann (Fritzl), der seine Tochter für 24 Jahre in ein Erdloch sperrt, systematisch vergewaltigt und vielfach schwängert?

Nein. Aber es geht Martin G. Berger mit diesem Abend nicht nur darum. Er will die Geschlechter an sich, ihre Rollen in der Gesellschaft untersuchen, möchte, wie er auch im Programmheft schreibt, Menschen nicht in Männer und Frauen teilen, sondern in Menschen, „die führen wollen und Menschen, die folgen wollen, sozial, naturwissenschaftlich, musisch, sprachlich und handwerklich begabte Menschen, intelligente und weniger intelligente“. In Ordnung.

Ästhetisierung des Verbrechens

#Metoo, Gender, Transgender und Was-weiß-ich-noch werden hier zu einem Amalgam der schrillen Bilder, schlimmen Worte und schönen Töne, deren Problem die Ästhetisierung des Verbrechens ist. Fritzl, so widerlich er uns vorkommt, wird schon von Jelinek zum (Anti)-Helden stilisiert, die Schriftstellerin, der Regisseur und damit auch das Theater und die Zuschauer werden dadurch nachträglich zu seinen Komplizen. Eine unangenehme Wahrheit.

Das Beste, was so ein Abend erreicht, ist die Diskussion über ihn und den Umgang mit Kunst. Wie sollen wir mit Werken wie Waterhouses „Hylas und die Nymphen“ umgehen, die aus heutiger Sicht nicht mehr den sozialen und moralischen Vorstellungen entsprechen – zudem in einer Welt, deren Medien- und Werbemaschinerie im Zeichen der Gewinnoptimierung weiterhin Frauenfeindlichkeit auf unterstem Niveau betreiben? Sollen wir etwa die Worte „Neger“ in Büchern von Autoren ersetzen, die Neger schrieben, als es noch normal war, dies zu tun?

All diese Debatten übersteigen das Potenzial eines Theaterabends ebenso wie das eines Zeitungsartikels. Aber immerhin führen sie zur Schärfung des Bewusstseins und zum Nachdenken.

Und übrigens: Dass GMD Elias Grandy am Pult eines immer wieder fein spielenden Orchesters so einen Prozess überhaupt mitmacht, verdient Anerkennung. Andere haben da schon gekündigt. Nicht unerwähnt sollte auch bleiben, dass Martin Piskorski (Faust) eine tolle tiefe und Mittellage hat, in der Höhe aber hörbar Probleme, Hye-Sung Na (Marguerite) beseelt, mitunter aber unsauber singt, James Homan als Mephisto natürlich das diabolische Knarzen nicht vermissen lässt. Oleksandr Prytolyuk (Valentin) und Shahar Lavi (Transgenderbesetzung für Siébel) machen ihre Sache gut, die Schauspielenden Raphael Rubino (Er) und Magdalena Neuhaus (Sie) gehen in ihren Rollen leidenschaftlich auf, Chor und Orchester spielen und singen wunderbar.

Sagten wir Geistesdurchfall? Ja. Und es ist am Ende auch ein reinigender Prozess, eine Krise, aus der wir gestärkt hervorgehen werden. Um es mit Elfriede Jelinek zu sagen: „Uff.“