Startseite Fallback für unzugeordnet und Altdaten bzw Archiv

Literatur Unter dem Titel „Das Teemännchen“ erscheinen im Rowohlt-Verlag neue Prosa-Miniaturen des Hamburger Bestseller-Autors Heinz Strunk

Das Elend hat Übergewicht

Archivartikel

Wer ein Buch von Heinz Strunk aufschlägt, wird wissen, was ihn erwartet: keine filigranen Stilübungen, sondern wilde Ritte über die Schlachtfelder des Scheiterns. Spätestens mit seinem (gerade von Fatih Akin verfilmten) Roman „Der goldene Handschuh“ hat sich Strunk einen Namen gemacht als Spezialist für das Leben der Zukurzgekommenen: der Einsamen, Verklemmten und Verstockten, der physisch und intellektuell Schwerfälligen, die sich „auf dem Seitenstreifen durchs Leben“ schleichen.

Verkrachte Existenzen

Schauplätze dieser Geschichten sind konsequenterweise die Biotope verkrachter Existenzen: Imbissbuden, Spielhallen, Absackkneipen, angeschimmelte Heavy-Metal-Kaschemmen, wo großflächig tätowierte Tresen-Bären nur darauf warten, dass sie die Mädchen abschleppen können, die sie vorher betrunken gemacht haben. In einer solchen Vergnügungsstätte kann dann, wie im jüngsten Buch Strunks, auch der leibhaftige Axl Rose auf groteske Weise erfahren, dass er bei den jungen Damen nicht mehr gefragt ist. Auch Prominente bleiben von Niederlagen nicht verschont.

Erbaulich ist dieser Blick nach ganz unten nicht, dafür in seinen besten Momenten aber von irritierender Intensität. Es riecht unangenehm nach Schweiß, Frittenfett und abgestandenem Zigarettenqualm, man möchte sich die Nase zuhalten. Wegschauen aber kann man nicht. Irgendwie hat es seinen (moralisch vielleicht nicht ganz einwandfreien) Reiz, hoffnungslosen Menschen dabei zuzuschauen, wie sie ihr Dasein verdaddeln. Dabei gibt Strunk keine tröstenden Erklärungen für das dargestellte Elend – so ist das Leben eben: banal und schaurig.

Wenn Strunk jetzt einen Band mit fünfzig Prosaminiaturen in unterschiedlichen Stadien der Ausarbeitung (und des Gelingens) vorlegt, zeigen sich in der Reduktion die Vorzüge wie die Grenzen dieser Schreibart. Strunk trägt oft dicker auf als er müsste. Geradezu obsessiv ist sein Hang zur physiognomischen Vergegenständlichung existenziellen Elends. Die meisten seiner Figuren sind übergewichtig und zusätzlich noch ausgestattet mit Tränensäcken, Hautausschlägen oder Mundgeruch. Etliche sind auf die eine oder andere Weise versehrt und kommen deshalb unter die Räder. Ein kleinwüchsiger Mensch beispielsweise wird durch eine für ihn unpraktikable Normaltoilette aus der Welt gespült, „wie Besucher von Spaßbädern durch Wasserrutschen“. Das ist so wenig komisch wie die Geschichte um den peinlichen Penisbruch eines Heranwachsenden. In manchen Stücken nimmt dieses Buch den Charakter einer trashigen Freak-Show an.

Dabei könnte Strunk sich auch ohne Überdrehungen auf die Qualitäten verlassen, die seine Schreibart ziemlich einzigartig erscheinen lassen. Dieser Erzähler verfügt über eine ausbalancierte Lakonie, die nie zur Pose verkommt, und er spielt virtuos mit den Sprachregistern seiner Figuren.

Er hört genau hin

„Wie die Menschen reden, so sind sie auch“, sagt einmal einer. Strunk jedenfalls lässt sie reden: In ihren beschränkten Jargons plappern sie Vorgekautes und Halbverstandenes nach, das ihr Denken verklebt. Wer dann wie Strunk genau hinhört, wenn etwa einsame Männer und Frauen an Hotelbars einander belauern und belabern, dem entgehen nicht die Signale mitleidlos taxierender Berechnung. Da reichen dann ein, zwei schiefe Sätze – der Mann spürt, dass die Frau Probleme hat, und prompt schlägt seine Balzbereitschaft in Fluchtinstinkte um.

Wer erfahren will, wie ruppig und rücksichtslos Menschen miteinander umgehen, der muss Strunk lesen – auch wenn es nicht immer ein Vergnügen ist. Aber immer wieder scheinen auch Momente großer Wahrhaftigkeit auf. Etwa in der titelgebenden Geschichte von dem verbummelten Studenten, der mit einem Teelädchen scheitert. Den Rest seiner Jahre wird er damit verbringen, seine unverkäuflichen Vorräte selber aufzubrauchen: Abwarten und Tee trinken bis zum Ende – fast schon eine Existenz-Metapher.