Startseite Fallback für unzugeordnet und Altdaten bzw Archiv

FN-Sommertour Führung im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt begeisterte die 41 Teilnehmer / Standort in Lampoldshausen besitzt eine spannende Geschichte

„Die Dimensionen sind unvorstellbar“

„Spannend, interessant und informativ“: Ein positives Fazit zogen die Teilnehmer der FN-Sommertour ins Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Lampoldshausen.

Lampoldshausen. Die Ariane 5: über 700 Tonnen schwer, mehr als 50 Meter lang, mit vier Millionen PS ausgestattet. Ein Start kostet 130 Millionen Euro, pro Sekunde verbraucht sie circa 800 Liter Treibstoff. Zahlen, die auch bei den 41 Teilnehmern der FN-Sommertour Eindruck hinterließen. Im Deutschen Zentrum für Raum- und Luftfahrt (DLR) in Lampoldshausen blickten sie in die Geschichte des Standortes.

Dass dieser nicht ohne Grund im Hardthäuser Wald liegt, lernten die Leser gleich zu Beginn der Führung durch das Besucherzentrum. 1959 überzeugte der Wissenschaftler Eugen Sänger die Bevölkerung von Lampoldshausen mit der Idee, ein Testgelände zu eröffnen. Zwei Jahre zuvor schickte die Sowjetunionen mit Sputnik den ersten Satelliten in den Weltraum. Der Westen stand unter Schock, es begann der Wettlauf ins All. Mitten im Wald gelegen, sollte nicht jeder die Testversuche mitbekommen und beobachten. Auch aus Sicherheitsgründen eignete sich der Standort: Es kam vor allem in den Anfangsjahren durchaus vor, dass ein Triebwerk wortwörtlich „in die Luft ging“. Und so ein Triebwerkstest kann ganz schön laut werden.

Strenge Sicherheitsmaßnahmen

Lampoldshausen besitzt als einer von 20 Standorten eine lange Geschichte und feiert im kommenden Jahr sein 60-jähriges Bestehen. Rund 300 Mitarbeiter sind hier beschäftigt, hinzukommen noch 350 Beschäftige der Ariane Group. Auf dem 38 Hektar großen Gelände gelten strengen Sicherheitsvorkehrungen. Bei einem Testversuch herrscht ein strenges Prozedere: Um die Versuchsanlage herum wird im Umkreis von 500 Metern alles abgesperrt. Drei Stunden vor dem Test darf sich niemand mehr im Prüfstand aufhalten. Ein Sicherheitsteam fährt sogar die Waldwege ab und warnt Spaziergänger, Fahrradfahrer und Waldarbeiter. Der Standort besitzt eine eigene Feuerwehr, die vor jedem Versuch noch die Löschvorrichtungen testet. Sobald etwas nicht funktioniert, wird die Prüfung abgebrochen.

Jedes Triebwerk wird 100 Sekunden auf dem Prüfstand auf Herz und Nieren getestet. Als Treibstoffe dienen flüssiger Sauerstoff und Alkohol. „Wir sind die größten Alkoholabnehmer der Region und machen den Schnapsbrennern Konkurrenz“, scherzte einer der beiden Tourführer.

In der Vergangenheit wurde unter anderem Salpetersäure benutzt. Diese führt wiederum zum Bau der Überdachungen bei den Mitarbeiter-Parkplätzen. Die Geschichte dahinter: Manchmal wehte die Dampfwolke in Richtung der Autos. Die Säure hinterließ Punkte auf den Fahrzeugen, weshalb die Versicherungen überdachte Parkplätze forderten. Die Anlage im Hardthäuser Wald ist einzigartig in Europa, da sogar unter Vakuum-Bedingungen getestet werden kann. Sämtliche Triebwerke der Ariane-Raketen wurden hier geprüft.

18 Länder beteiligt

Doch nicht nur die Geschichte des Standortes, sondern auch der Raumfahrt war Thema dieser Führung. „Dass so viele Länder an den Ariane-Raketen mitarbeiten, wussten wir gar nicht“, stellte etwa die Familie Lonscher aus Boxberg fest. 18 Länder aus Europa sind an dem Programm beteiligt. Die einzelnen Teile werden etwa in der Schweiz, in den Niederlanden oder in Schweden hergestellt. Nachteil dieses Gemeinschaftsprojektes: Jeder möchte mitreden. Russland oder die USA arbeiten nur für sich, es muss nicht alles mit Partnern abgestimmt werden.

Ein weiter Weg

Und auch der Weg der Rakete, bis sie überhaupt ins Weltall fliegt, ist ein weiter. Von Bremen werden die Teile über nach Frankreich und Italien verschifft. Dort werden weitere Bestandteile aufgeladen, ehe es nach Französisch-Guyana geht. Erst am Startplatz werden die Ariane-Raketen zusammengebaut. Die Wahl auf das Land in Südamerika fiel nicht ohne Grund. Das Übersee-Department gehört zu Frankreich und ist damit Teil der EU. Es gibt dort keine Hurrikans und Erdbeben, direkt am Atlantik gelegen können die Booster und die ersten Schub-Stufen der Raketen ins Meer abgeworfen werden. Entscheidenden Faktor ist aber ein anderer: die Nähe zum Äquator. Durch die Erdrotation, die hier am größten ist, gewinnt die Rakete beim Start an Geschwindigkeit und spart zusätzlichen Treibstoff. Das wiederum führt dazu, dass die Nutzlast an Bord größer wird. Bei der aktuellen Generation, der Ariane 5, beträgt die Nutzlast 10,4 Tonnen. Der Startschub liegt bei 1100 Tonnen.

„Diese Dimensionen sind unvorstellbar“, bemerkte Bruno Kostmayer aus Bad Mergentheim. Die Führung sei sehr interessant gewesen, aber ein technisches Interesse sollte man schon mitbringen, findet er. Ähnlicher Meinung war auch Rudolf Volker aus Edelfingen. „Sehr spannend und informativ mit vielen technischen Zahlen“, sagte er. Ludwig und Margarete Waller aus Freudenberg wunderten sich vor allem über die unscheinbare Lage des DLR-Standortes. „Ich kann mir das kaum vorstellen, dass ein 40-Tonnen-Lkw diesen Waldweg entlang fährt. Aber es ist toll, dass die Zeitung einen solchen interessanten Einblick möglich macht.“