Startseite Fallback für unzugeordnet und Altdaten bzw Archiv

Literatur Der gefeierte Kurzgeschichten-Autor und Man-Booker-Preisträger George Saunders führt in seinem Romandebüt eine neue Erzählweise vor

Die Geister um Lincolns toten Sohn

Archivartikel

Die Kritiker versuchen sich beim Lob von „Lincoln im Bardo“ derart zu übertreffen, dass das „Literarische Quartett“ dem ersten Roman von George Saunders am liebsten sogar den diesjährigen Literaturnobelpreis verliehen hätte. Mangels einer funktionsfähigen Jury wird es 2018 zumindest keinen anderen geben. Den hoch angesehenen Londoner Man Booker Prize hat der bisher auf Erzählungen spezialisierte frühere Geophysiker für seine genial geisterhafte Geschichte immerhin schon im Regal.

Was den außergewöhnlich lauten Kritikerjubel auslöst, wird schon nach wenigen Seiten klar: Dem auch als Reporter und Essayist beliebten Saunders gelingt tatsächlich das seltene Kunststück, so etwas wie eine neue Erzählform vorzuführen. Schon nach drei Seiten entpuppt sich der ganz normal anmutende Ich-Erzähler als nur eine von vielen, gegen Ende der 448 Seiten sogar sehr vielen Stimmen und Quellen. Aus deren Äußerungen und Erzählungen muss sich der Leser die Handlung und das Setting zusammensetzen. Damit ist klar: Zur leichten Bettlektüre eignet sich die Geschichte um Willie, den elfjährigen Sohn des US-Präsidenten Abraham Lincoln (1809-1865), kaum.

Tragischer Fiebertod

Das liegt nicht primär an der etwas gruseligen Ausgangssituation, dass der von seinen Eltern bis zur tiefen Depression betrauerte Junge nach seinem tragischen Fiebertod im Februar 1862 wie viele andere arme Seelen auf dem Oak Hill Friedhof in Georgetown zwischen Diesseits und Jenseits festhängt. Genauer gesagt bezeichnet der tibetanische Begriff Bardo im Buddhismus den körperlosen Zustand zwischen Tod und Wiedergeburt.

Vielmehr kann das Gewirr der Stimmen und Zitate durchaus abschreckend wirken, weil es mit gängigen Lesegewohnheiten radikal bricht. Dass der im US-Bundesstaat Illinois geborene Saunders experimentelle Literaturikonen wie Thomas Pynchon oder den 2008 verstorbenen David Foster Wallace zu seinen glühenden Verehrern zählen kann, ist einerseits ein Ritterschlag – macht aber auch klar, dass „Lincoln im Bardo“ trotz Bestseller-Status nicht Jedermanns Sache sein kann. Hier empfiehlt sich also besonders dringend der Blick auf die ersten zehn, 20 Seiten, um zu sehen, ob seine eigenwillige Erzählweise einen abstößt – oder in das Buch hineinzieht.

Und das kann schnell passieren, wenn man sich dem Fluss der Stimmen einfach überlässt. Ohne penibel darauf zu achten, welches Zitat historisch oder fiktional ist, wichtig für den Fortgang der Handlung oder schlicht Klatsch. Auch wer von den meist tragikomischen Gesellen, die sich als Kranke, nicht als Tote sehen, gerade spricht, verliert mit der Zeit an Relevanz.

Dann liest sich das Ganze wie Dialoge eines extrem vielstimmigen Theaterstücks, das immer mehr Fahrt aufnimmt – und der spätberufene Romancier lässt durch die Aussagen seines Panoptikums der Lebenden und Toten eine atemberaubende, düstere, aber auch skurril-heitere Szenerie plastisch werden. Das erinnert in seiner schlichten Brillanz an niemand Geringeren als Shakespeare, dessen detailscharfe Dialoge Kulissen und Einordnungen oftmals überflüssig machen.

Grundsätzliche Fragen

So wird es schnell zum Vergnügen, die rätselhaften Puzzleteile zusammenzusetzen. Zumal Saunders ziemlich genau dann Tempo und Dramatik verschärft, wenn der Leser sich an den Stil gewöhnt haben dürfte. Wie nebenbei wird er plötzlich auch mit tiefen Zweifeln des Sklavenbefreiers Lincoln über den extrem blutigen Beginn des Bürgerkriegs 1861 konfrontiert. Plötzlich drängen sich auf der Suche nach Erlösung auch Sklaven in die bisher von Weißen aller Milieus dominierte Zwischenwelt, um von ihren furchtbaren Schicksalen zu berichten.

Natürlich verweist das auf die aktuelle Situation in den USA und stellt fast nebenbei ganz grundsätzliche Fragen über unsere Zivilisation und die Art, wie wir zusammenleben wollen. Ein großer Wurf.