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FN-Sommer Besuch einer Aufführung von „West Side Story“ bei den 25. Clingenburg Festspielen / Hauptdarsteller überzeugen / Intendant Marcel Krohn gibt Einführung

Die Liebe überwindet sogar den Rassenhass

Die Clingenburg Festspiele präsentieren in diesem Jahr Leonard Bernsteins Musical „West Side Story“. Im Rahmen des FN-Sommers hatten nun 40 Leser die Gelegenheit, das Spektakel zu bewundern.

Klingenberg. Die Geschichte von Romeo und Julia, versetzt ins New York der 1950er Jahre: So lässt sich grob der Plot des Musicals „West Side Story“ beschreiben. Nur stehen sich hier nicht zwei verfeindete Familien, sondern eine US-amerikanische und ein puerto-ricanische Straßenbande gegenüber. Rassismus ist ein großes Thema. Untermalt wird das Ganze von den bekannten und eingängigen Melodien Leonard Bernsteins, etwa „Somewhere“ oder „I feel pretty“.

Der 1957 uraufgeführte Musical-Klassiker ist in diesem Sommer bei den 25. Clingenburg Festspielen in Klingenberg am Main zu sehen. Im Rahmen des FN-Sommers nutzten nun 40 Leser die Gelegenheit und besuchten eine der deutschsprachigen Aufführung in der mittelalterlichen Burgruine.

Das alte Gemäuer war auch Teil des Bühnenbilds, etwa bei Balkonszenen. Für New Yorker Flair sorgten große gemalte Wolkenkratzer im Hintergrund. Vor dieser Kulisse präsentierte das Ensemble souverän zahlreiche Tanzeinlagen, zum Beispiel bei „America“ und „Gee, Officer Krupke“. Die Kämpfe zwischen den schwarz gekleideten Puerto-Ricanern und den mit Jeans und bunten Jacken ausgestatten Amerikanern sorgten ebenfalls für Hingucker.

Auch die Hauptdarsteller überzeugten. Feurig und kraftvoll spielte, sang und tanzte Lucía Isabel Haas Muñoz die Rolle der Anita. Diese ist die Freundin von Bernardo, dem Anführer der puerto-ricanischen „Sharks“.

Gut harmonierte das zentrale Liebespaar, bestehend aus Maria (Theano Makariou) und Tony (Gevorg Aperánts). Maria ist die Schwester von Bernardo, Tony der polnischstämmige ehemalige Anführer der amerikanischen Straßenbande „Jets“.

Alles hinter sich lassen

Vor der Vorstellung sprach unsere Zeitung mit Aperánts über seine Rolle. „Der Tony fasziniert mich, weil er daran glaubt, dass man alles hinter sich lassen und neu anfangen kann. Er ist aus seiner alten Bande ausgetreten. Und die Liebe zwischen ihm und Maria überwindet sogar den Rassenhass zwischen Amerikanern und Puerto-Ricanern.“

Ungewöhnlich besetzt

Die Rolle des Tonys wirkt mit Aperánts auf den ersten Blick etwas ungewöhnlich besetzt. Der studierte Opernsänger ist kleiner als die meisten anderen Darsteller des Ensembles und vom Typ her eher dunkel. „In Deutschland erwarten die Leute ja oft einen blonden Herkules als Tony“, hebt Aperánts das Besondere an seiner Besetzung hervor.

Er versuche jedoch, der Rolle nicht so sehr durch sein Aussehen, sondern durch sein Schauspiel und seinen Gesang Substanz zu verleihen. Und das gelingt dem in Armenien geborenen Niederländer hervorragend.

Tief berührend war etwa seine Interpretation der Solonummer „Maria“. Fast andächtig lauschten die mehr als 700 Zuhörer und belohnten die Darbietung anschließend mit enthusiastischem Applaus.

Auch Heinrich Bierbrauer aus Igersheim ist von Aperánts’ Leistung „sehr angetan“, wie er sagt: „Der Tony ist eindeutig der stärkste Sänger, er füllt die Rolle voll aus“.

Sabine Beile aus Wertheim hat Aperánts’ Tony ebenfalls gut gefallen. Sie ist aber auch generell beeindruckt davon, auf welch hohem Niveau alle Darsteller tanzten, sangen und schauspielten.

Willy Schöffner aus Tauberbischofsheim findet, dass das Musical inhaltlich gut in die heutige Zeit passt: „Leider ist das Thema Rassenkonflikte ja wieder sehr aktuell.“ Abgesehen von der Aufführung selbst lobt er auch die Organisation und das Ambiente auf der Clingenburg. Letzteres konnten die Teilnehmer des FN-Sommers schon vor der Vorstellung ausgiebig genießen.

Intendant Marcel Krohn gab ihnen eine kurze Einführung in das Stück. Er berichtete unter anderem, dass auf der Clingenburg aufgrund der beschränkten Platzverhältnisse eine leicht veränderte Version des Musicals zu erleben ist. So kämen hier zum Beispiel statt der rund 25 Musiker im amerikanischen Original nur 15 zum Einsatz. Vor allem für die Holzbläser sei dies mit großen Anforderungen verbunden, da sie während einer Aufführung bis zu sechsmal das Instrument wechseln müssten.

Wenig Zeit zum Proben

Beeindruckend ist die Leistung der Musiker und Darsteller auf der Clingenburg auch, wenn man bedenkt, wie wenig Zeit sie für die Vorbereitung hatten. Bei den Festspielen, die nach Angaben der Veranstalter jedes Jahr zwischen 25 000 und 35 000 Besucher anlocken, werden in diesem Sommer sechs Stücke präsentiert. Manche Darsteller treten gleich in mehreren von ihnen auf.

„Daher hatten wir für ’West Side Story’ zusammengenommen nur etwa dreieinhalb Wochen zum Proben“, berichtet Gevorg Aperánts. Für das professionelle Ensemble reichte diese Zeit jedoch aus. Und so fuhren die FN-Leser in der Nacht mit den Erinnerungen an eine sehens- und hörenswerten Vorstellung zurück ins Taubertal.