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Interview Die britische Band Yes kommt zum Zeltfestival Rhein-Neckar

Die Rückkehr einer Progrock-Legende

Archivartikel

Als Sänger der britischen Rock-Formation Yes erfand er mit seiner hellen, unverkennbaren Stimme das, was man heute Progressive Rock nennt, maßgeblich mit. Als Komponist gilt Jon Anderson (73) als Wegbereiter neuer Stile: Neben seinen Progressive-Rock-Kollegen der Formation King Crimson arbeitete Anderson auch immer wieder mit Künstlern wie dem griechischen Komponisten Vangelis zusammen, der als Pionier der elektronischen Musik gilt. Bevor Anderson gemeinsam mit Trevor Rabin und Rick Wakeman beim Zeltfestival Rhein-Neckar auftritt, spricht der Ausnahmesänger über das Geheimnis des zeitlosen Erfolgs, wechselvolle Umbrüche und die Liebe zur Musik.

Mister Anderson, Sie arbeiten seit fünf Jahrzehnten im Musikgeschäft. Wie halten Sie das aus?

Jon Anderson: Vor allem durch die tiefe Passion, die ich nie verloren habe. Wir haben Musik immer um der Musik willen und nie für das Radio gemacht. Es ging um den Augenblick, in der sie klingt. Wie Frank Sinatra und Elvis mussten wir dafür immer auch leiden, doch am großen Ganzen haben wir nie gezweifelt. Wenn ich daran zurückdenke, dass ein deutscher Journalist auf unserer 35-jährigen Jubiläumstour schrieb, es sei jetzt genug und wir nun mit all unserer Kraft hier stehen, kann ich nur sagen: Ich will noch 30 Jahre weitermachen!

Wie fühlt man sich, wenn man als Pionier auf das blickt, was Bands heute aus der Saat machen, die man vor Jahrzehnten selbst ausgebracht hat?

Anderson: Für mich geht es um die positive Energie, die eine Zeit entwickelt. Auch wir kamen ja nichts aus dem Nichts, sondern wurden in den 70ern was die Großen der 60er wie den Beatles, Frank Zappa oder Buffalo Springfield aus uns gemacht haben. Und da hatten wir so etwas wie Weltmusik noch gar nicht entdeckt. Wobei es interessant ist, diese Strömungen genau nachzuverfolgen, denn wenn man sieht, dass U2, aber auch Sting kommerzielle Ansätze verfolgten, gleichzeitig aber die Musik von Yes priesen, zeigt sich, wie wegweisend wir von der Norm abwichen.

Nach Zusammenarbeiten mit Vangelis und King Crimson haben Sie in den vergangenen Jahren durch Kooperationen mit Dream Theater und Mike Oldfield Pionierwillen gezeigt. Können denn nur Sie diesen Job machen, oder wo sind die ganzen Rock-Entdecker geblieben?

Anderson (lacht): Für mich ist die Berührung mit dem Neuen eben immer etwas Aufregendes geblieben, bei dem es keine Müdigkeit gibt. Gerade eben habe ich die Arbeit an einer Platte abgeschlossen, an der ich vor 28 Jahren zu texten begann. Es hatte viele Gründe, aus denen es so lange dauerte, bis diese Stücke wieder ans Licht kamen, aber es lohnte sich. Dass diese Platte „1000 Hands“ heißt, weil so unfassbar viele Menschen daran gearbeitet haben, verstehe ich auch als Qualitätsmerkmal von Musik an sich: Dass Ian Anderson, Chick Corea, Steve Howe und Chris Squire auf einem Album vereint werden können, um so modern zu klingen, als hätte man die Stücke gestern erst komponiert. Solche Musik hat für mich kein Verfallsdatum, sie ist etwas Unsterbliches.

Ihre Tour zum 50. Jubiläum führt Sie zum Zeltfestival Rhein-Neckar nach Mannheim: Yes vor tausenden Zuhörern in einem Zirkuszelt – das trifft Ihren Geschmack, oder?

Anderson: Also zuerst einmal ist es verrückt, fast bizarr, dass wir hier über ein halbes Jahrhundert sprechen. Ich stehe noch heute manchmal da und denke mir: Wie konnte das passieren? Doch dann materialisiert sich diese Kraft wieder und ich verstehe, warum sich diese 50 Jahre nie wie eine Ewigkeit anfühlten. Gestern haben wir gemeinsam geprobt und wenn Songs wie „Awaken“, „Hold On“ oder „Southside The Sky“ plötzlich wieder durch die Boxen hallen, spüre ich diese unglaubliche Freude, sie zu spielen, noch heute damit zu experimentieren und ihren Geist dadurch mit Leben zu erfüllen. Diese Kraft wird auch Mannheim zu spüren bekommen. mer/BILD: nixon