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Literatur Tom Saller legt mit „Wenn Martha tanzt“ sein erstes Buch vor / Der Roman des Psychotherapeuten überzeugt nur zum Teil

Ein Kind mit ungewöhnlicher Begabung

Martha ist schon als Kind ganz besonders. Nicht nur, weil sie sich ihrem toten Bruder Heinzchen so eng verbunden fühlt. Schon eher, weil sie bei Tönen nicht sagen kann, welche tiefer oder höher sind, sie aber vor sich sieht: als Viereck oder kleinen Kreis. Und so wundert sich ihr Vater zwar immer wieder über ihre ungewöhnlichen Talente, aber er fördert sie doch und lässt sie machen. Und so geht Martha ihren Weg aus dem kleinen verschlafenen pommerschen Dorf Türnow nach Weimar ans Bauhaus, wo sie mit ihren Begabungen in jedem Fall besser aufgehoben ist.

Inspiration durch eigene Biografie

„Wenn Martha tanzt“ ist Tom Sallers Debütroman. Der 1967 geborene Psychotherapeut hat sich dazu von der eigenen Familiengeschichte inspirieren lassen, nicht zuletzt durch einen Brief seiner Großmutter, in dem sie von ihrer Flucht 1945 über die Ostsee erzählt, die auch im Roman eine wichtige Rolle spielt.

Im Mittelpunkt aber steht Martha, 1900 geboren und von Anfang an ein wundersames Kind. Ihr Vater, Berufsmusiker und Kapellmeister, verzweifelt fast an ihrer mangelnden Musikalität. Dabei nimmt sie Musik nur anders wahr.

Saller lässt seinen Roman an drei Orten spielen: Martha wächst in Türnow in Pommern auf, nicht weit von der polnischen Grenze. Als junge Erwachsene geht sie nach Weimar, um am Bauhaus zu studieren. Ihr Urenkel, der Ich-Erzähler, reist 2001 nach New York, als Marthas Notizbuch samt etlicher Zeichnungen prominenter Bauhauskünstler für einen Millionenbetrag versteigert wird.

In Weimar lernt Martha Walter Gropius kennen, den Bauhaus-Leiter, der durchaus Interesse an der jungen ungewöhnlichen Frau zeigt, die künstlerisch noch auf der Suche ist. Und am Bauhaus eher als irgendwo sonst ihren Weg gehen kann: Denn hier setzen die Dozenten auf neue Methoden im Unterrichten und auf neue Herangehensweisen an Kunst und Handwerk. Und hier lehren Genies wie Paul Klee oder Wassili Kandinsky, die Martha nicht nur als Studentin kennenlernt.

Theresia Enzensberger hat in ihrem Debütroman „Blaupause“ (2017) ebenfalls mit dem Bauhaus beschäftigt und eine ähnliche Frauenfigur wie Martha auf die Männerwelt in Weimar treffen lassen. Bei der Recherche haben Enzensberger und Saller oft dieselben Persönlichkeiten fasziniert.

Sallers Buch ist dennoch ganz anders, vor allem, weil er mit dem männlichen Ich-Erzähler noch eine weitere Ebene einfügt.

Szenen in New York eher schlecht

Das ist ambitioniert, aber nicht ganz überzeugend. Figuren wie die junge Martha und ihre Eltern gelingen ihm mühelos und eindrucksvoll. Die Passagen, die in New York spielen, wo die über 100-jährige Martha einen etwas merkwürdigen Auftritt hat, fallen dahinter ab. Und die Verwirrungen darüber, warum Martha ihr Notizbuch für Millionen ersteigert, ihren Urenkel aber für einen Betrüger hält, lösen sich nur holprig auf.