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Literatur Rasha Abbas und Khaled Kalifa schreiben über den seit 2011 andauernden Bürgerkrieg / Mit jeweils eigenen Stilen drücken sie das Leid aus

Eindrucksvolle Schilderungen aus Syrien

Archivartikel

Wie schreibt man über den Tod, über allumfassendes Leid? Rasha Abbas und Khaled Kalifa sind zwei Autoren aus Syrien, gerade sind zwei ihrer Werke in deutschen Übersetzungen erschienen (Abbas: „Eine Zusammenfassung von allem, was war“; Kalifa: „Der Tod ist ein mühseliges Geschäft“). Trotz des unfassbaren Grauens, dem sie sich annähern, kann man die Bücher nicht aus der Hand legen.

Beiläufige Sprache gewählt

Vielleicht liegt es an der beiläufigen Sprache, mit der Abbas und Kalifa den Tod schildern. Am trockenen Humor, der nicht nur ihre Sprache, sondern auch ihre Figuren auszeichnet. Es sind desillusionierte, entwurzelte Menschen. Der Tod macht ihnen keine Angst mehr, ist nur noch ein „mühseliges Geschäft“.

Kalifa lebt bis heute in Damaskus und ist einer der bekanntesten syrischen Autoren. Er ist Assad-Kritiker, seine Werke sind in Syrien verboten. „Das macht mir nichts aus“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. „Es ist absurd, du kannst nicht über verbotene Bücher sprechen, während deine Freunde zu 15 Jahren Haft verurteilt wurden, weil sie sich politisch geäußert haben.“

Seine Tage verbringe er damit, Kaffee zu trinken, an seinen Büchern zu schreiben oder Freunde zu treffen. „Ich habe keine Angst, zu schreiben. Ich denke nicht über die Angst nach. Sondern darüber, meinen Weg durch die zerbombten Gebiete zu finden.“

Letzter Dienst für den Vater

„Der Tod ist ein mühseliges Geschäft“ erschien 2016 auf arabisch, Hartmut Fähndrich hat es nun ins Deutsche übersetzt. Drei Geschwister wollen den letzten Wunsch ihres toten Vaters erfüllen und versuchen, seine Leiche 300 Kilometer aus Damaskus zum Friedhof seines Heimatdorfes nahe Aleppo zu transportieren. 300 Kilometer: Das ist in Zeiten, in denen Assad-Milizen, Islamisten und Aufständische das Land in viele umkämpfte Bezirke aufgeteilt halten, eine fast unüberwindliche Distanz.

Die Figuren hangeln sich von Checkpoint zu Checkpoint. Mal wird die Leiche des Vaters – ein überzeugter Revolutionär – „verhaftet“, mal wird einer der Brüder in einem Keller festgehalten und von einem „Scharia-Richter“ diszipliniert. Natürlich dauert die Reise länger als gehofft …

Auch Abbas’ Erzählband „Eine Zusammenfassung von allem, was war“ (Übersetzung: Sandra Hetzl) ist von solchen erkalteten Menschen bevölkert – die trotz allem ihren Witz nicht verloren haben. Eine Erzählung handelt von einer Person, die darüber nachdenkt, sich umzubringen. In Gedanken schreibt sie einen Brief an ihre Mutter: „Nimm meinen Kopf und drücke ihn in die (Wassermelonen-)Kerne. Das ist ein altes, vielerprobtes Hausmittel.“

Fantastische Elemente

Auch Abbas stammt aus Damaskus, lebt aber seit 2015 abwechselnd in den Niederlanden und in Deutschland. Anders als bei Kalifa wenden sich ihre Geschichten oft ins Fantastische oder Groteske. Die Erfahrungen im Krieg haben ihre Art zu schreiben verändert, wie sie sagt.

Bei Abbas wie bei Kalifa bewegen sich die Figuren in kafkaesken Situationen. Sie werden von Behörden kontrolliert, die keiner versteht – die aber absolute Macht haben. „Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was meine Anklage sein konnte“, lässt Abbas einen ihrer Protagonisten sagen.

Bei beiden Autoren herrscht eine Stimmung konstanter Bedrohung. Im Hintergrund rauschen Militärhelikopter, Flugabwehrraketen oder Granaten. Ihre Geschichten sind morbide, sinnlich und zeugen von großer sprachlicher Souveränität.

Seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs sind laut einer Schätzung der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte etwa 511 000 Menschen gestorben.

Wie beschreibt man als Schriftsteller etwas, wofür offizielle Behörden keine Worte mehr finden? „Natürlich gibt es Dinge, die schwer zu beschreiben sind“, sagt Abbas. „Das ist der Grund, warum ich versuche, mit einer Distanz über die Dinge zu schreiben, die im Krieg passieren. Da ist auch die Angst, dass du diese schrecklichen Ereignisse, die Geschichten der Opfer, als Schreibmaterial benutzt – und das damit verbundene Unbehagen, aus den Sorgen anderer Nutzen zu schlagen.“

„Autoren haben stets das Gefühl, das Unsagbare nicht begrifflich einholen zu können“, meint Kalifa. „Aber sobald die Welt erfahren würde, was in Syrien geschieht, würde sie es ohnehin nicht für wahr halten.“