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Literatur Timur Vermes greift in seinem Buch „Die Hungrigen und die Satten“ die Flüchtlingskrise auf – und entwirft überzeichnete Szenen

Eine Gesellschaft im Taumel

Archivartikel

Möglicherweise ist Timur Vermes ein Hellseher. Als er vor sechs Jahren in seiner Hitler-Parodie „Er ist wieder da“ die Faszination am Dritten Reich aufs Korn nahm, gab es zwar zuhauf Magazin-Titelstorys und Fernsehdokus – aber noch keine AfD. Und auch noch keinen Fraktionschef im Bundestag, der die NS-Zeit einen „Vogelschiss der Geschichte“ nennt und wieder stolz auf Wehrmachtssoldaten sein will.

Den neuen Roman des Journalisten kann man wieder als Prophezeiung lesen. Diesmal allerdings scheint den Autor häufiger und schneller die Realität einzuholen, als ihm möglicherweise lieb ist. In „Die Hungrigen und die Satten“ geht Vermes, Jahrgang 1967, das mediale Überthema der jüngsten Jahre an: die Flüchtlingspolitik.

Abrechnung mit der Politik

Nadeche Hackenbusch, „Star und Vorbild Hunderttausender junger Frauen und Mädchen“, lässt mit ihrer Reality-Show „Engel im Elend“ die Quoten eines Privatsenders durch die Decke schießen. Der Produzent ist begeistert („nicht die traditionelle Form, mit der uns Spiegel-TV zustaubt“). Das „Elend“, um das es geht, ist das weltweit größte Flüchtlingscamp ganz im Süden Afrikas. Das hübsche, aber unbedarfte Casting-Show-Sternchen („die will in die Gottschalk-Liga“) geht „ganz nah“ ran an die Menschen und ihre Schicksale. Vermes versteht es dabei vorzüglich, mit einer dicken Wortsoße aus Selbstinszenierung und Mitleid Betroffenheitsjournalismus auf die Spitze zu treiben.

Mit dabei: Astrid von Roëll, die für ein Lifestyle-Blatt die Leser über deren Idol auf dem Laufenden hält. Die so sinnfreie Sätze verhackstückt wie: „Es ist die Nadeche Hackenbusch, die dem Publikum verborgen bleibt, die Nadeche Hackenbusch, die man nur hinter den Kulissen der Glitzerwelt der Reichen und Schönen kennenlernt: eine disziplinierte Arbeiterin, eine Frau, die 24 Stunden und mehr pro Tag ihren Mann steht und sich doch nie beklagt“ – Sätze wie diese sind zu lesen. Zunächst scheint Vermes’ Roman erneut eine Abrechnung mit den Medien zu sein – wie „Er ist wieder da“.

2012 schoss das erste Buch des Autors an die Spitze der Bestsellerlisten. In der Polit-Parodie steigt der wiedererwachte Adolf Hitler in der Jetztzeit als Lachnummer zu einem gefragten Fernseh-Promi auf. Allein in den ersten beiden Jahren werden mehr als 2,3 Millionen Romane verkauft, Lizenzen gehen in mehr als 40 Länder. Ebenso erfolgreich: das Hörbuch, der Film, das Theaterstück.

In „Die Hungrigen und die Satten“ erweitert der Autor nun die Persiflage des Medienbetriebs auf die ganze Gesellschaft. Denn als TV-Star Hackenbusch nach Ende der Dreharbeiten in Afrika die Menschen nicht einfach wieder ihrem Schicksal überlassen will, wechselt der 500-Seiten-Roman ins Politische. Die Protagonistin möchte etwas bewegen und organisiert eine Kolonne, die sich auf den Fußmarsch Richtung abgeschottetes Europa macht. Je weiter der Treck sich vorwärts bewegt, umso lauter schrillen in Deutschland die Alarmglocken.

Vermes’ Roman liest sich zuweilen wie ein „Tagesschau“-Dauerprogramm. Gruppen von Schutzsuchenden sitzen fest? Budapest, Herbst 2015. Angela Merkel ist weggeputscht? Flüchtlingsstreit, Frühjahr 2018. Irgendwann fällt dann der historisch wenig einfühlsame Slogan: „Statt Spendengeld und Sojamehl Mauerbau und Schießbefehl.“ Man erinnert sich: Da gab es doch schon solche Forderungen aus den Reihen der AfD.

Zwischen Fiktion und Realität

„Was ist denn, wenn diese Grenzen dicht sind“, fragt Vermes in einem Interview, „ist dann das Problem gelöst?“ Sein Roman ist eine Versuchsanordnung. Was wäre wenn? Der Innenminister sagt einmal: „Bei Entscheidungen haben wir nichts zu gewinnen. Was wir brauchen, ist gepflegte Langeweile.“ Doch ob das noch reicht, wenn die Flüchtlinge der Tür näher und näher kommen? Denn obwohl sie noch keinen Fuß auf deutschen Boden gesetzt haben, ist eine Gesellschaft schon grundlegend verändert. Was ist noch Roman, was schon Wirklichkeit?