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Roman Monika Sznajderman stellt sich in „Der Pfefferfälscher“ der polnisch-jüdischen Vergangenheitsbewältigung

Eine Liebeserklärung an den Vater

Wann wurde Monika Sznajderman wohl zum ersten Mal bewusst, dass es zwischen ihrer Familie mütterlicherseits und väterlicherseits einen ganz bedeutenden Unterschied gab? Denn mütterlicherseits gab es die Großeltern, die Onkel, Cousins und Cousinen, das übliche verzweigte Familiengeflecht. Väterlicherseits gab es nur ihren Vater und der schwieg über die Leere, in die er als einziger seiner polnisch-jüdischen Familien überlebt hatte.

Wenn australische Verwandte zu Besuch kamen, „verband ich das auch nicht mit der Tatsache, dass sie als Einzige den Krieg überlebt hatten und wie Geister aus einer verschwundenen Welt, mit ihren Vornamen, ihren Erzählungen und ihrem seltsamen Akzent unsere Küche besuchen konnten“, schreibt sie im Rückblick auf ihre Kindheit.

Ahnung der Tragödien

Die Verlegerin wollte das Schweigen brechen und mit der Geschichte ihrer Familie denen eine Stimme geben, die sie nie kennengelernt hatte.

Mit „Die Pfefferfälscher“ schrieb Sznajderman eine Familiengeschichte, der das Ringen um die eigene Identität und Selbstdefinition anzumerken ist. Die Geschichte der polnisch-jüdischen Familie des Vaters ist eine Geschichte der Opfer, weniger Überlebender und der Davongekommenen, die rechtzeitig aus Polen auswanderten.

Doch was ist mit der polnisch-katholischen Familie mütterlicherseits? Sznajderman fragt sich, ob sie gegenüber dem Schicksal jüdischer Nachbarn gleichgültig blieben, ob sie wegschauten, womöglich gar selbst in Nationalismus und Antisemitismus verstrickt waren.

Familienfotos von den Großeltern und Urgroßeltern, die sie nie kennengelernt hatte, standen am Anfang von Sznajdermans Suche nach der eigenen Familie.

Darin liegt ein Reiz, aber auch ein Problem dieser Familienbiografie. Denn viele Lücken werden letztlich mit der Vorstellungskraft der Autorin gefüllt.

Sie weiß ebenso wenig wie der Leser, wie die Charaktereigenschaften, die Stimmung, das Beziehungsgeflecht dieser Angehörigen tatsächlich war. Da vernebelt das Wissen der Nachgeborenen auch so manche Einschätzung und Beschreibung – kann denn wirklich die Ahnung der künftigen Tragödie den Blick der Großmutter trüben, die später in Ostpolen ermordet wird? Denn das Foto ist aufgenommen in den 20er Jahren und einer Zeit, in der die Familie keineswegs zu den gesellschaftlichen Verlierern gehörte.

Mit der relativ umfangreichen Fotosammlung hat sie jedenfalls deutlich mehr Anhaltspunkte zu ihren Vorfahren als die Kinder und Urenkel derjenigen, die vielleicht anlässlich ihrer Hochzeit oder eines anderen bedeutsamen Ereignisses ein Mal zum Fotografen gingen.

Diese Problematik, gerade auch angesichts des andauernden Schweigens des Vaters, ist Sznajderman wohl bewusst. „Habe ich das Recht, die Schatten heraufzurufen, die Du mit aller Kraft vergessen wolltest?“, schreibt sie an einer Stelle. „Bin ich überhaupt imstande, irgendetwas zu begreifen? Ich weiß es nicht. Aber ich denke ständig darüber nach.“

Rätsel um die Schuld

Doch wenn der Vater über das Überleben im Warschauer Ghetto und in Auschwitz schweigt, wenn er nicht sprechen kann über seinen Vater und seinen kleinen Bruder, die am Umschlagplatz in die Züge nach Treblinka stiegen oder über die Pogrome und den Antisemitismus, denen die Überlebenden im Nachkriegspolen ausgesetzt waren, ist das Schweigen der mütterlichen Verwandten ein anderes.

Die Familie adeliger Gutsbesitzer erzählt zwar stolz von Aktivitäten im Widerstand. Doch anderes bleibt vage. Wie haben Großvater und Großonkel reagiert, als die deutschen Besatzer die jüdischen Nachbarn zusammentrieben? Wie konnte der geliebte Ersatz-Opa so eng mit nationalistischen Politikern zusammenarbeiten, die offenen Antisemitismus zeigten?

Plötzlich werden Menschen hinterfragt, die für Sznajderman in der Kindheit „wie ein sicheres Nest gewesen, ein fürsorglicher Clan. Meine große polnische Familie“.

Die Familiengeschichte Sznajdermans, sie ist auch ein weites Stück polnischer Geschichte des 20. Jahrhunderts und der seit den 90er Jahre in Polen bestehenden Diskussion über polnisch-jüdische Beziehungen. Die Fragen, die Sznajderman in ihrem Buch rhetorisch an die Adresse ihrer Angehörigen stellt, dürften ihr Echo in vielen Familien finden, wenn die Nachkriegsgeneration Rechenschaft fordert: Kann Gleichgültigkeit töten? Kann Gleichgültigkeit unschuldig sein?