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Roman Die italienische Autorin Francesca Melandri schreibt über Afrikaner, die nach Italien fliehen, und Italiener, die früher in Afrika Kolonialherren waren

Flucht vor der Verantwortung

Archivartikel

Und auf einmal hockt ein Flüchtling vor deiner Tür: Ilaria Profeti staunt nicht schlecht, als ein junger Äthiopier im Treppenhaus vor ihrer Wohnung in Rom wartet und sagt, sie sei seine Tante. Da kann ja jeder kommen. Doch der Afrikaner, der sich von Addis Abeba durch die Sahara, die Internierungslager Libyens, übers Mittelmeer, die Inseln Lampedusa und Sizilien bis in die Ewige Stadt durchgeschlagen hat, kann sich ausweisen: Und der zweite Nachname im Pass ist der Name von Ilarias Vater, seines Großvaters.

So beginnt im Sommer 2010 eine Erzählung, in der die italienische Autorin Francesca Melandri ihre Leser in die europäische Aktualität der Flüchtlingskrise führt und auf eine Zeitreise in die koloniale Vergangenheit mitnimmt. Ihr 600 Seiten starker Roman „Alle, außer mir“ bietet ein Sittengemälde Italiens in der Zeit von Ministerpräsident Silvio Berlusconi. Und er legt den Finger in eine offene Wunde des südeuropäischen Landes: seine nie aufgearbeitete Faschismus- und Kolonialgeschichte. Er ist obendrein auch ein großartiges Porträt Roms.

Die Lehrerin Ilaria, die mit Melandri das Geburtsjahr 1964 gemein hat, muss erkennen, dass sie über ihren steinalten Vater eigentlich wenig weiß. Als junges Mädchen erfuhr Ilaria, dass es neben ihren beiden älteren Brüdern noch einen jüngeren Halbbruder aus einer Parallelbeziehung des Vaters in Rom gibt.

Faschistische Gräueltaten

Dass der alte Herr aber als junger Mann in Äthiopien 1940 auch einen Sohn mit einer Afrikanerin zeugte, ist ihr neu. Der Sohn dieses Sohnes, Shimeta, steht nun vor ihrer Tür. Fragen kann Ilaria ihren Vater nicht mehr, er ist mit seinen 95 Jahren schon zu senil.

Im Leben hat er stets unheimliches Glück. 1935 als faschistischer Freiwilliger nach Ostafrika. Dort sind die Italiener von ihren Kolonien Eritrea und Somalia aus in Äthiopien einmarschiert. Um den Widerstand der Abessinier zu brechen, setzen sie Senfgas ein. Abertausende Äthiopier werden während der fünfjährigen italienischen Herrschaft umgebracht.

In Äthiopien arbeitet Profeti mit einem Rassenforscher zusammen, der die „Überlegenheit“ der Weißen wissenschaftlich zu beweisen versucht, und schreibt selbst Aufsätze zum Thema. Ilaria stößt bei ihren Forschungen auf die Doppelmoral des italienischen Kolonialismus: Während offiziell strengste Apartheid propagiert wurde, zeugten italienische Soldaten und Siedler Kinder mit einheimischen Frauen.

Verantwortungslose Generation

Nach dem Zweiten Weltkrieg (1939-1945) wollte in Italien niemand etwas von den kolonialen Schandtaten wissen, ebenso wenig wie von den Massakern, die Mussolinis Truppen in Griechenland, Kroatien oder Slowenien verübt hatten. „Die zwei blutigen Jahre der deutschen Besatzung hatten es möglich gemacht, dass eine Mehrheit der Italiener sich in einer der beiden Hauptpersonen des nationalen Bilderreigens wiederfand, entweder in dem wehrlosen Opfer oder in dem Partisanen, dem Helden des Widerstands“, schreibt Melandri.

Auch Attilio Profeti schafft mühelos die Rückkehr ins Zivilleben. Niemand fordert Rechenschaft. Ilaria erlebt später, wie unter Berlusconi ein leichtfertig-lockerer Umgang mit dem Faschismus einsetzt. Der „Cavaliere“ tönt, dass unter Mussolini die Züge pünktlich fuhren, und eine TV-Soap wird nach einem Mussolini-Zitat benannt.

„Sangue giusto“ („Richtiges Blut“) heißt das Buch im italienischen Original, eine Anspielung auch auf das in Italien gültige Ius Sanguinis, das Abstammungsprinzip, das über die Staatsangehörigkeit entscheidet. All zu große Beachtung fand der Roman in Italien nicht. In Deutschland wurden dagegen schon 60 000 Exemplare ausgeliefert, wozu womöglich auch Ex-SPD-Chef Martin Schulz beitrug, der das Buch als Gast im „Literarischen Quartett“ des ZDF empfahl.