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Roman Zweites Hauptwerk von Andrej Platonow erscheint bei Suhrkamp / „Tschewengur“ spielt im postrevolutionären Russland der 1920er Jahre

Furchtbares schön erzählt

Nach dem Schaufeln der Proletarier am eigenen Massengrab in der kommunistischen Baugrube jetzt eine Reise nach Tschewengur. Die Bolschewiken liquidieren hier für das klassenlose Paradies erstmal alle Bürgerlichen. Wie wunderbar, dass Suhrkamp ein Jahr nach der „Baugrube“ auch „Tschewengur“ neu herausgebracht hat, das zweite Hauptwerk von Andrej Platonow (1899-1951) aus dem postrevolutionären Russland der 1920er Jahre. Die im Untertitel angekündigte „Wanderung mit offenem Herzen“ ist ein wilder, immer wieder hypnotisch anziehender, genauso witziger wie Grauen erregender literarischer Ritt an der Seite mythisch verklärter Paradiessucher – mitten hinein in die Apokalypse.

Kopjonkin, ein Don Quichotte im Gefolge der Oktoberrevolution, absolviert ihn auf seinem Pferd namens Proletarische Kraft und verzehrt sich unterwegs vor zärtlicher, zwangsläufig unerwiderter Liebe zu Rosa Luxemburg. Er weiß ganz genau, dass die Revolutionärin im fernen Berlin ermordet ist und spürt doch unvermindert sowie als einziger überhaupt in Platonows wundersamem Universum auch körperlich „heiße Sehnsucht“. Auf dem Weg nach Tschewengur, wo der Kommunismus schon komplett verwirklicht sein soll, treibt Kopjonkin den Gaul jeden Morgen mit dem Kommando „Rosa“ an, er „beneidet die Wolken, die in Richtung Deutschland fortzogen, sie würden über Rosas Grab hinweggehen“.

Passagen über extremen Hunger

Der Spaß am nächsten der unendlich vielen grotesk satirischen Volltreffer gefriert blitzschnell, wenn übergangslos und im selben lapidaren Ton vom Hungertod eines Kindes zu lesen ist, das die Eltern keineswegs betrauern. Niemand trauert hier um Tote oder freut sich über Neugeborene, außer den Heuchlern.

Ein Überlebender empfindet allenfalls Neid, denn er hat es im Diesseits weniger gut: „In seinem Wanst schmort seit drei Tagen eine halbe Kartoffel.“ Voll innerem Schwung, Optimismus und mit feinen persönlichen Eigenschaften ausgestattet sind bei Platonow dagegen Lokomotiven als metallene Verheißung der strahlenden Zukunft. Tiere und sogar Bastschuhe entfalten ein reiches Gefühlsleben, während die Menschen in starrer Hoffnung auf Erlösung durch den Sozialismus gefangen sind. Doch sogar die erfundene Stadt Tschewengur erfüllt die Hoffnungen nicht …

Natürlich durfte der 1927/28 geschriebene Roman unter Stalin nicht erscheinen. Das gleiche Schicksal teilte der zwei Jahre später geschriebene Roman „Baugrube“.

In „Tschewengur“ verblüfft und fesselt die bruchlose Verknüpfung von altertümlich religiösen mit zeitlos utopischen Heilsmotiven sowie zugleich absurd komischen mit gnadenlos realistischen Schilderungen des Jetzt. In der glänzenden Übersetzung von Renate Reschke (nach der Erstveröffentlichung 1990 neu überarbeitet) gibt es kaum eine Seite ohne sprachlich überraschende, auch bei fürchterlichem Inhalt lyrisch schöne Sätze. Hilfreich für die nicht ganz leichtgängige Lektüre ist der Abdruck eines Gesprächs über den Roman zwischen dem Platonow-Fan Ingo Schulze und seinem nicht minder begeisterten Kollegen Dzevad Karahasan nebst einem Nachwort des Platonow-Biografen Hans Günther.