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Literatur US-amerikanischer Schriftsteller A. J. Finn legt mit „The woman in the window“ seinen Debütroman vor / Bestseller wird in 38 Sprachen übersetzt

Gelungene Hommage an Hitchcock

Sie verschanzt sich hinter der Fensterscheibe. Seit fast elf Monaten besteht die Außenwelt für Anna Fox nur noch aus dem, was sie von dort aus sehen kann. Und das sind die Nachbarhäuser samt Bewohnern, wer ein- und auszieht oder -geht, wer was mit wem oder allein tut. Die Welt der anderen ist Teil ihrer Welt geworden.

Und ihr ist klar, dass das krank ist. Anna ist Psychologin und kennt ihr Leiden: Agoraphobie – die Angst, das Haus zu verlassen, die Angst vor freien Plätzen, ja vor dem freien Himmel, verbunden mit heftigen Panikattacken. Sie ist die Frau am Fenster, „The woman in the window“, wie der Debütroman des US-Amerikaners A. J. Finn heißt.

Ein Ereignis hat Anna aus der Bahn geworfen. Und so scheint sie – getrennt von Mann und Tochter – nur noch von dem zu leben, was sie durch die Fenster ihres Hauses sieht, vom massenhaften Konsum alter Schwarz-Weiß-Filme (meist Thriller), von viel zu viel Wein und Tabletten und von gelegentlichen Korrespondenzen mit Bekannten aus dem Internet.

Nur wenige Menschen haben Zutritt zu ihrem Haus: David, der Untermieter und Helfer in vielerlei Hinsicht, Bina, die Physiotherapeutin, und ihr Psychiater Dr. Fielding. Bisher waren deren Versuche, Anna für ein Leben „draußen“ zu öffnen, ergebnislos.

Man könnte sogar meinen, kontraproduktiv, denn anscheinend wird Annas Alkohol- und Medikamentenverbrauch immer stärker und unkontrollierbarer. Sie vernachlässigt sich und das Haus, steigert sich in Fantasiegespräche mit Mann und Tochter und malt sich Szenarien hinter den Fassaden der anderen Häuser aus. Einen Höhepunkt bildet der Einzug einer neuen Familie ins Haus gegenüber: Vater, Mutter, Sohn. Anna lernt die Mutter des Jungen und dann auch den Sohn selbst kennen und mag beide sehr.

Verbrechen beobachtet

Endlich scheint sie durch Jane – so der Name der Frau – eine neue Verbindung zur Außenwelt zu bekommen. Und durch deren schüchternen und verunsicherten Sohn Ethan eine neue Aufgabe. Doch dann sieht sie – natürlich durch ihr Fenster – wie Jane erstochen wird. Nur den Täter kann sie nicht erkennen. Sie alarmiert die Polizei. Und dann geschieht das Schlimmste überhaupt, was ihr passieren kann: Keiner glaubt ihr.

Es gibt keine Leiche, und der verängstigte Ethan leugnet, Anna zu kennen. Diese – zugedröhnt bis zum Eichstrich – stellt sich den Beamten als Psychopathin mit überbordender Fantasie dar. Parallelen zu Alfred Hitchcocks Film „Das Fenster zum Hof“ (1954) sind deutlich und beabsichtigt, wie A.J. Finn selbst sagt. Sie enden allerdings an dem Punkt, als Anna als unzurechnungsfähig und unglaubwürdig eingestuft wird. Und zwar dergestalt, dass sich auch der Leser fragt, ob der beobachtete Mord nicht ein Fantasieprodukt beziehungsweise Resultat ihres Psychopharmaka- und Alkoholmissbrauchs ist.

Ab diesem Punkt legt der Roman deutlich an Rasanz zu, was nicht heißen soll, dass er die rund 200 vorangegangenen Seiten langweilig war. Ganz und gar nicht. Denn hier schafft der Autor eine Stimmung, die das Leiden der Heldin nachvollziehbar macht. Das Wissen dafür hat der Autor aus erster Hand: „Das Buch basiert auf meinem jahrzehntelangen Kampf gegen Angst und Depressionen.“

Zurzeit wird Film gedreht

Es sind aber nicht nur eigene Erfahrungen, die das rundum gelungene Debüt des New Yorker Journalisten (unter anderem „Los Angeles Times“, „Washington Post“) so bemerkenswert machen, sondern die sparsame Sprache und der kluge Aufbau des Romans in exakt 100 Kapiteln, der mit einem furiosen Finale endet. Was neben der Frage nach Mord oder Hirngespinst am meisten interessiert, ist der Anlass für Annas Agoraphobie (neben der Angst vor weiten Plätzen versteht man auch die Furcht vor Menschengedränge unter dem Begriff).

Den erzählt Finn in einem parallelen Strang, der zwar nicht so kompakt, aber genauso glaubwürdig ist. Zweifellos gehört dieser Roman Noir, den man durchaus als eine Hommage an Altmeister Hitchcock sehen kann, zu den ungewöhnlichsten Thrillern der letzten Jahre. Das Buch hat bereits viel Lob der internationalen Presse eingeheimst und namhafte Kollegen ins Schwärmen gebracht, wie beispielsweise Stephen King („ebenso entzückend wie aufregend“), Tess Gerritsen („meisterhaft“), Gillian Flynn („Verblüffend. Spannend. Unglaublich.“) und Val McDermid, die A. J. Finn „Spannung à la Hitchcock fürs 21. Jahrhundert“ bescheinigt.

Der in 38 Sprachen übersetzte Roman wird bereits verfilmt. Und man darf sich auf den nächsten Thriller des Autors freuen, der laut Finn von Alexandre Dumas’ „Der Graf von Monte Christo“ inspiriert wurde, von einer „Geschichte, in der ebenfalls ein altes Verbrechen die Gegenwart überschattet“.